Worauf warten wir also?

IMPULSE – 9. Dezember 2013

An Tagen wie diesen sitzt man in der Bahn und geht den Gedanken nach: Die Schlagzeilen sind geschrieben, die Ticker durchgerauscht. Ein medialer Sturm weht seit einigen Tagen mal mehr und mal weniger kräftig durch das Land und die virtuelle Welt. Von Xaver ist nicht die Rede. Twitter, Facebook und die Nachrichtenportale waren voll von einem starkem Südwind. Kein Alpenföhn, sondern eine richtige kräftige Brise, die da aus Rom kommt. Die Rede ist natürlich von »Evangelii Gaudium«, dem Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus, welches anlässlich des Abschlusses des Jahres des Glaubens herausgegeben wurde.

 

Der Text, soviel ist sicher, wird uns eine Weile beschäftigen. Das muss er auch, denn es steckt eine Menge drin. All diese Dinge zusammenzufassen und auszuarbeiten wird dauern. Keine leichte Kost, denn Franziskus spricht vieles an, das grundlegend zu bedenken ist.

 

So fahren wir also in unserer Bahn. Durch das Land und die Stadt. Alles geht seinen gewohnten Gang. Nun, wie geht es also weiter? Wenn wir nicht auf die Bahn warten, worauf warten wir dann? Und was bedeutet das für ein ökumenisches Projekt wie Kirche hoch 2?

 

Zunächst einmal ist es beeindruckend zu beobachten, wie sehr unsere Anliegen, die wir im Kongress, im Projekt, in der Bewegung aufgreifen, auch andere beschäftigen. Das erfährt man in den Reaktionen auf das Papier. Nicht weil das alles nun »aus Rom kommt«! Die vielfältigen, zumeist sehr positiven und starken Reaktionen von ganz unterschiedlichen Perspektiven und Akteuren auch in ihrer ökumenischen Weite zeigen, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist und zwar an geahnten und ungeahnten Orten.

 

Es geht nicht darum, etwas Neues zu machen – es geht um ein neues Wahrnehmen: Oft »sehen« (und vermissen!) wir, was unsere klassisches Bild definiert. Aber die Wirklichkeit »sieht« anders aus: Wieviel Energie ist in uns Suchenden und Wachsenden, in uns »missionarischen Jüngern«, wie Papst Franziskus schreibt. Damit bringt er auch eine Dynamik ins Spiel – eine lebendige Dynamik des Wachsens in Verkündigung und Gestalt. »Seht, ich schaffe Neues – schon sprosst es auf – merkt ihr es nicht?« (Jes 43, 19). Und wir beginnen aufzumerken: Die vielen Initiativen, die vielen kreativen Aufbrüche, vor allem aber die Unruhe und Suchbewegung in den Herzen so vieler.

 

Das macht uns Mut, weiter Initiative zu ergreifen, aber vielmehr noch, anderen dies zu ermöglichen. Und das ist keine Frage der Konfession, des Alters, der Region oder dergleichen.

 

 

FreshX? 

 

Es geht wohl auch nicht zuerst darum, einfach irgendetwas Neues zu gründen. Es geht vielmehr um eine persönliche und gemeinschaftliche Umkehr zum Entdecken, zum Fördern und Erneuern. Denn das ist in den vergangenen Monaten deutlich geworden: Es gibt so viele Frische des Evangeliums, die schon Form angenommen hat und annimmt – in unseren Herzen. Kein Wunder: Gottes Geist ist immer frisch!

 

Und wer sich das anschaut – der merkt: die Frische des Evangeliums sammelt Menschen, schafft eine Mystik des Miteinanders – und schenkt ein unglaubliches Staunen, eine dankbare Freude, die darauf wartet, geteilt zu werden. Papst Franziskus beschreibt es so:

 

»Alle haben das Recht, das Evangelium zu empfangen. Die Christen haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Prosyletismus, sondern „durch Anziehung”.« (EG 14)

 

Diese Dynamik mündet in einer Zukunftsvision, die uns unvergleichlich kraftvoll ein altes Bild neu erschließt (Gottes Sehnsucht in der Stadt?) und starke Ausrufezeichen setzt, die so wertvoll sind, dass sie ausführlich hier stehen können und müssen:

 

»Das neue Jerusalem, die heilige Stadt (vgl. Offb 21,2-4) ist das Ziel, zu dem die gesamte Menschheit unterwegs ist. Es ist interessant, dass die Offenbarung uns sagt, dass die Erfüllung der Menschheit und der Geschichte sich in einer Stadt verwirklicht. Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Geschwisterlichkeit und das Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Gegenwart muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht vor denen, die ihn mit ehrlichem Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf unsichere und weitschweifige Weise, tun. (…) (EG 71)

 

Es entstehen fortwährend neue Kulturen in diesen riesigen menschlichen Geographien, wo der Christ gewöhnlich nicht mehr derjenige ist, der Sinn fördert oder stiftet, sondern derjenige, der von diesen Kulturen andere Sprachgebräuche, Symbole, Botschaften und Paradigmen empfängt, die neue Lebensorientierungen bieten, welche häufig im Gegensatz zum Evangelium Jesu stehen. Eine neue Kultur pulsiert in der Stadt und wird in ihr konzipiert. Die Synode hat festgestellt, dass heute die Verwandlungen dieser großen Gebiete und die Kultur, in der sie ihren Ausdruck finden, ein vorzüglicher Ort für die neue Evangelisierung sind. Das erfordert, neuartige Räume für Gebet und Gemeinschaft zu erfinden, die für die Stadtbevölkerungen anziehender und bedeutungsvoller sind. (…) (EG 73)

 

Das macht eine Evangelisierung nötig, welche die neuen Formen, mit Gott, mit den anderen und mit der Umgebung in Beziehung zu treten, erleuchtet und die grundlegenden Werte wachruft. Es ist notwendig, dorthin zu gelangen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, und mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen. Man darf nicht vergessen, dass die Stadt ein multikultureller Bereich ist. In den großen Städten kann man ein „Bindegewebe“ beobachten, in dem Gruppen von Personen die gleichen Lebensträume und ähnliche Vorstellungswelten miteinander teilen und sich zu neuen menschlichen Sektoren, zu Kulturräumen und zu unsichtbaren Städten zusammenschließen.« (EG 74)

 

So entdecken wir neue Ortschilder und neue Haltestellen auf unserer Inter-City-Karte. Vor allem aber sehen wir gemeinsam: neue Perspektiven und Chancen. So wird aus dieser Energie vielmehr eine Thermodynamik: In diesem Kontext entsteht selbst eine neuartige Gemeinschaft, ein Leben aus dem Geist, ein heiliges Netzwerk.

 

 

Ein Netzwerk 

 

Es zeigt sich eine Verbundenheit zwischen all den freudigen missionarischen Reisenden, die auf eine neue Form der Spiritualität hindeutet:

 

»Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Geschwisterlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut.« (EG 87)

 

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen – es geht nur darum, diese Wirklichkeit wahr- und anzunehmen – zu leben.

 

Worauf warten wir, also? Der Zug ist schon da!

 

Christian Hennecke und Maria Herrmann

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