Hintergrundgeschichten

Das gemeinsame Fragen stand von Anfang an bei Kirchehoch2 im Vordergrund: Im Jahr 2006 waren Kontakte einzelner Fachreferent*innen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Römisch-katholischen Bistums Hildesheim Ausgangspunkt für regionale ökumenische Begegnungen, die eine der Wurzeln von Kirchehoch2 darstellen. Dieser kollegiale Austausch evangelischer und katholischer Hauptamtlicher aus den Feldern Missionarische Dienste und Missionarische Seelsorge, Ökumene sowie Aus- und Fortbildung war erfreulich fruchtbar. Zum einen führte das Kennenlernen der Kolleg*innen der jeweils anderen Konfession und deren konkreter Arbeitsfelder in der Parallelstruktur zu einem großen Wissenszuwachs in ökumenischer Hinsicht. Zum anderen wurde während der gemeinsamen Suche nach einer zukunftsfähigen ökumenischen Ekklesiologie und Ekklesiopraxis wahrgenommen, dass die herausfordernde Situation von Landeskirche und Bistum, die offenen Fragen, sowie die Erwartungen und Sehnsüchte der Kolleg*innen einander anschlussfähiger – aber mehr noch aufschlussreicher waren als erwartet.

In der Gruppe entwickelte sich über die Zeit ein deutlicher Wunsch nach Vertiefung der ökumenischen Begegnungen und Beziehungen sowie nach Kooperation und Kollaboration. Dies beförderte einen geistlichen Prozess, der bis heute von Dialog und Hören geprägt ist und von dem alle ökumenischen Partner gleichermaßen profitieren.

Das gemeinsame Lernen von- und miteinander im persönlichen und thematischen Austausch wurde durch regionale Ausweitung der Lernfelder sowie durch weitere ökumenische Netzwerkpartner bereichert. Seit 2009 fanden Studienreisen nach Großbritannien statt, die zusammen mit begleitenden, regionalen Studientagen, die Erfahrungen theologisch reflektierten, die die Kirche von England im Zusammenhang mit dortigen, unter der Bezeichnung der Fresh Expressions of Church (in der deutschen Sprache bildet sich langsam der Fachterminus FreshX dafür) missionarischen Aufbrüchen sammelt.

Mit der Zeit und mit mehr und mehr Erfahrungen, sowie Kontakten und Partnerschaften wuchs der Wunsch nach einer Kirchenentwicklung in ökumenischer Weite und danach, noch mehr Menschen mit Leidenschaft für ihre Kirche in diese Entwicklungen und Begegnungen miteinzubeziehen. Es sollte um weltkirchliche Impulse (z.B. aus dem Bistum Poitiers, den Philippinen sowie den USA) und neuen Formen von Kirche und missionarischen Aufbrüchen gehen, jedoch vor allem die Dynamik der vielen kleinen regionalen Aufbrüche in den norddeutschen Gemeinden und Kirchen vorkommen.

Kirchehoch2 – Ein ökumenischer Kongress

Vom 14.-16. Februar 2013 fand schließlich unter dem Titel „Kirchehoch2 – Ein ökumenischer Kongress“ in Hannover eine Konferenz mit 1400 Teilnehmern vor Ort und 14.000 virtuellen Zuschauer*innen des Livestreams im Internet statt.

Durch die Unterstützung von Landeskirche und Bistum konnten daraufhin zwei Projektstellen eingerichtet werden, um die ersten ökumenischen Erfahrungen sowie die Impulse des Kongresses nachhaltig weiterentwickeln zu können. So wuchs der Kreis der ursprünglichen Impulsgebenden um eine neue Generation der Unterstützenden der Kirchehoch2-Idee.

Mit anderen Kirchen und freien Werken gab es Begegnungen, Lernräume und gemeinsame Veranstaltungen, wie z.B. Workshoptage, vertiefende Studientage, Exkursionen und sogar eine ökumenische Landpartie und ein ökumenischer Werkstatt-Tag. So weitete sich das Netz der Kooperationen, z.B. um die Evangelisch-reformierte Kirche, den Hannoverschen Verband Landeskirchlicher Gemeinschaften und den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Zudem konnten Vernetzungen zu weiteren Organisationen und Einrichtungen, wie der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Niedersachsen, der Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste und weiteren  Kooperationspartnern geschaffen werden. Dadurch entwickelte sich die vorher bilaterale Ökumene hin zu einer Wahrnehmung der Vielfalt auch innerhalb der eigenen Konfessionen und dem Entdecken spannender Potentiale von Vernetzung über vermeintliche Grenzen von Theologie und »spirituellen Dialekten« hinweg.

Ökumenische Lernräume

Die Resonanz des Kongresses mündete in der Frage danach, wie die Diskursräume zur Zukunft der Kirche nachhaltig und ökumenisch weiterhin verstetigt werden können, die durch die partizipative Anlage der Veranstaltung entstanden sind. Dabei schien ein Ausbildungsmodell, inspiriert durch das englische Vorbild der „mission-shaped ministry“-Kurse ein sehr konkretes Instrument für eine gemeinsame missionarische und ökumenische Kirchenentwicklung von Landeskirche und Bistum. Der Vorbildkurs in England ermöglicht seit Jahren die Ausbildung von Einzelpersonen und Teams, und damit die Entstehung, (Weiter-)Entwicklung und Förderung neuer Formen von Gemeinde und Kirche.

Da Kirchehoch2 durch die bis heute prägende Entstehungsgeschichte als ökumenische Lerngemeinschaft bereits erste Lern- und Kontextualisierungserfahrungen gemacht hatte und noch kein Kurskonzept des deutschsprachigen FreshX-Netzwerks vorlag, musste mit einem lokalen Kontextualisierungsprozess begonnen werden, für den zwei Projektstellen eingerichtet wurden, aus denen heute das Büro Kirchehoch2 hervorgeht. Für die Entwicklung des Kurses wurde das englische Material in den norddeutschen Kontext über-setzt. Es blieb dabei nicht bei einem rein linguistischen Übersetzungsprozess: Vielmehr wurde aus einer translation eine transformation im Sinne eines ausführlichen Kontextualisierungsprozesses, der sich auf unterschiedenen Ebenen auswirkte. Dazu gehört z.B. eine erweiterte ökumenische Theologie, eine subjektorientierte Didaktik und die grundlegende Orientierung an (nord-)deutschen Kontexten wie Beispielen und Statistiken. Die Loyalität gegenüber dem englischen Ursprungsmaterial wurde durch die Beibehaltung der sogenannten core values (Grundwerte) und learning outcomes (intendierte Lernergebnisse) innerhalb der Unterrichtseinheiten garantiert. Die Kontextrelevanz in Bezug auf die norddeutsche Situation für Kirchehoch2 wiederum, wurde durch induktive und reflexive Methoden sichergestellt. Als theologische Begleitung, Reflexion und Deutung dieses Prozesses entstand im Vollzug auch eine Dissertation zu diesem Thema.

Die Erfahrungen und Reflexionen von Kirchehoch2 im Hinblick auf eine Kirchenentwicklung mit ökumenischer Weite konkretisierten sich an dieser Stelle ein weiteres Mal in der Praxis der Erstellung des Kursmaterials sowie im Durchführungsprozess. Fruchtbare Lernerfolge haben sich im Zusammenhang von Kirchehoch2 nie durch das buchstäbliche Kopieren interessanter Best-Practice-Beispiele aus anderen Kontexten oder Konfessionen gezeigt. Am dienlichsten hingegen war das oft narrative Teilen authentischer Erfahrungen in den individuellen Kontexten, die wiederum zu Multiplikationsfaktoren für eigene Kontextualisierungsprozesse wurden.

Diese Grunderfahrung aus der Entstehungsgeschichte von Kirchehoch2 prägt bis heute die Arbeit im Team und darüber hinaus: Vielfältige Erfahrungen Anderer mit Neugier wahrzunehmen und weder als direkte Kopiervorlage noch als störende Fremdheitserfahrung zu verstehen, eröffnet kostbare Entwicklungsräume in und für die Kirche.

Diese Art des ökumenischen und narrativen Lernens soll das Teilen von Hoffnungen und Träumen ermöglichen und löst unwillkürlich eine missionarische Leerstelle aus, in der neue Formen von Kirche entstehen und ausprobiert werden können. Dieses Konzept einer ganzheitlichen Kirchenentwicklung hat lokale Bezüge und ermöglicht das Sichtbarmachen und Beschreiben von emergenten Transformationprozessen. Ganzheitliche und multidimensionale Reflexionen eröffnen auf diese Weise den Horizont für Transformation und Reformation in unterschiedlichsten Kontexten von Landeskirche und Bistum sowie innerhalb und außerhalb kirchlicher Strukturen.

Diese Haltung fand u.a. Niederschlag in den ersten beiden Jahresausbildungen „FreshX – Der Kurs von Kirchehoch2“, die von Herbst 2013 bis Sommer 2015 stattfanden. Die Teilnehmenden aus Haupt- und Ehrenamt waren eine ausgewogene Mischung an konfessionellem Hintergrund, Alter sowie Geschlecht und Berufung. An sechs Wochenenden wurden u.a. folgende Themenfelder bearbeitet: Kontextanalyse, wahrnehmende Haltung, Sozialraumerkundung, Mission, Werte und Normen, Ekklesiologie, Nachfolge, Spiritualität, Teambildung, Leitung und Begleitung, Evangelium und Kultur sowie Vision und Berufung. Ziel des Kurses ist die Ausbildung und Begleitung von Teams und Einzelpersonen, sowie neue Formen von Kirche zu entdecken und zu fördern.

Nach der Durchführung der beiden Kurse arbeitete das Team an der Modularisierung und Multiplizierbarkeit des Materials. In diesem Zug entstand zum einen ein Block-Kurs-Format, das den Jahreskurs auf einen Wochenkurs herunterkomprimierte. Zielgruppe waren in diesem Format Fachexpert*innen und Multiplikator*innen, um ihnen die Arbeit mit den Inhalten und Methoden zu erleichtern. Dieser Kurs fand im November 2016 statt. Vorher hatte im September 2016 bereits ein Multiplikationskurs des Kursmaterials stattgefunden. Ziel war hier, im Duktus einer Kontextualisierungsschulung, den Teilnehmenden die Adaption des Kursmaterials für ihre Kontexte und Bedürfnisse zu erleichtern. Diese Schulung fand in Kooperation mit dem FreshX Deutschland Netzwerk statt. In diesen beschriebenen kursorischen Formaten hat Kirchehoch2 seit 2013 ca. 100 Teilnehmende ausgebildet.

Neben den englischen Erfahrungen gibt es noch eine ganze Reihe weiterer ökumenischer Lernorte, von denen Kirchehoch2 profitiert und deren Impulse in die Arbeit einfließen. Zu nennen wäre hier zum Beispiel auch die Pioniersplekken der Protestantischen Kirche in den Niederlanden. Aufgrund des wachsenden Interesses an neuen Formen von Kirche und Gemeinde finden sich hier ein paar Informationen zusammengestellt, die hilfreich bei der Planung und Durchführung von Studienreisen zur pastoralen, ökumenischen sowie missionarischen Inspiration sein können.

Vernetzung und Beziehungsarbeit

Kirchehoch2 ist vernetzend tätig und stellt gerade in ökumenischer Hinsicht Verbindungen und Kontakte her, die neue Perspektiven in den Bereichen von Kirchenentwicklung und Gemeindeentwicklung eröffnen. Dies geschieht konkret durch eine aufwändige digitale Medienarbeit und im Bereich Social Media, sowie durch lokale Begleitung von Einzelpersonen und Teams vor Ort in Coachings, Beratungen und Workshops. Es werden Prozesse von bspw. Initiativen, Gemeinden, Pfarreien und Kirchenkreisen sowie Dekanaten unterstützt und begleitet. Hier ist Kirchehoch2 in den jeweiligen Herkunftskonfessionen auch strukturell an Beratungs- und Begleitprozessen beteiligt, z.B. bei der Fachbegleitung der Initiativen des Fonds missionarische Chancen der Hannoverschen Kirche und in Prozessen rund um die Themen Lokale Kirchenentwicklung im Bistum Hildesheim.

Auch regelmäßige ökumenische Ekklesiologie-Tagungen von Kirchehoch2 mit der Akademie Loccum und ähnliche Formate vernetzen unterschiedliche Interessierte und fördern deren weitere Reflexionsprozesse sowie theologische Forschung in diesem Feld.

Der Transfer von ermutigenden Beispielen von Kirche in die Tiefe und Fläche Norddeutschlands ist auch auf regionalen Veranstaltungsformaten von Kirchehoch2 sichtbar (z.B. der Ökumenischen Landpartie oder dem Ökumenischen Werkstatttag).