Wie tränkt man neue Wege?

IMPULSE – 8. Oktober 2014

Vor Kurzem berichteten wir bereits vom Werkstatttag „Kleingruppen als Feld experimenteller Ekklesiologie“, der am 20.09.2014 in Kassel stattfand. Neben anderen Praxisbespielen berichtete dort auch Pastorin Margrit Wegner aus Lübeck von ihren Erfahrungen. Sie kann von einer ungewöhnlichen Form der Kleingruppenarbeit in ihrer Gemeinde erzählen. Dort finden Glaubensgesprächen im Art Café statt und ganz bewusst nicht in den Räumen der Domgemeinde. Aber lesen Sie selbst, wie es dazu kam:

 

Am Anfang war die Mail: Ich bin letztes Jahr aus der Kirche ausgetreten. Seitdem habe ich mir viele Gedanken gemacht. Häufig zweifle ich an meiner Entscheidung. Ich würde mich gerne darüber unterhalten.“ Der Mail folgt ein Gespräch mit dieser Frau Mitte 30. Sie beschrieb es später so: „Meine Spannung stieg: eine Pastorin bei mir auf meinem Sofa mit Kaffee und Keksen. Nach etwa zwei Stunden ist sie wieder gegangen und ich fing an zu grübeln: Die war ja ganz offen und modern, der konnte ich alles sagen und sie sah auch noch total normal aus! Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen, als ich ihr all meine Bedenken gegenüber Kirche mitteilte. Sie hat gesagt, dass es da noch andere wie mich in ihrer Gemeinde geben würde, die sich auch mit dem Thema beschäftigten! Outcome des Kaffeetrinkens: Wir wollen eine Kirchen-Diskussions-Gruppe mit Menschen wie Du und Ich starten! Und nein, wir wollen uns nicht im Gemeindesaal treffen, sondern in einer Kneipe!“

Einen konkreten Plan hatten wir nicht. Nur die Frage: Wo sind Leute in unserem Alter? Wo haben die Platz in der Gemeinde? Was würde uns selbst interessieren, wozu würden wir unsere Freunde einladen? Wir haben einfach angefangen.

 

 

Die Leute: Wer kommt?

 

Die junge Frau hatte das Gefühl: „Kirche war irgendwie uncool. Passte nicht zu meinem Alter, meinem Lebensstil und meinem Job. Jemandem wie mich finde ich in der Kirche auf keinen Fall, guck Dir doch mal Gottesdienstgänger an. Um auf Menschen wie mich zu treffen, muss ich eher in Berlin-Mitte in angesagten Cafés sitzen, mich auf irgendwelchen hippen Parties aufhalten oder Mitglied in Business-Clubs werden!“

 

Genau diese Leute aber wollten wir, auch wenn Lübeck nicht so hipp ist wie Berlin. Wir haben per Mail Bekannte und Freunde eingeladen, Brautpaare aus der Gemeinde, verschiedenste Menschen in der Altersgruppe zwischen 25 und 45, von denen wir annahmen, dass sie ebenfalls auf der Suche wären.

 

Inzwischen, nach gut drei Jahren, sind 25 Leute im E-Mail-Verteiler, und der Kreis hat sich erweitert bzw. verändert. Menschen, die lange aus der Kirche ausgetreten waren, andere mit Hauskreiserfahrung, Singles und vierfache Mütter, Sozialarbeiter, Arbeitssuchende, Studierende, ein Theaterpädagoge, eine Schulleiterin: Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen, die sich sonst nie begegnet wären. Viele teilen Krisenerfahrungen: Trennung, Burnout, chronische Krankheit. Eine beschreibt es so: „An-gefangen an meiner bisherigen Einstellung zu zweifeln habe ich wohl, als mein nach außen hin so perfektes Leben eines Morgens zusammenbrach und ich anfing, meinen persönlichen Sinn des Lebens zu suchen. Ich musste, mir blieb nichts anders übrig. Nicht nur ich war verwirrt, was da geschah, auch mein Umfeld. Heißt es nicht immer, dass der Mensch in schweren Zeiten anfängt an Gott zu glauben und ihn um Hilfe zu bitten? Bei mir war das nicht gleich der Fall, es dauerte ein paar Jahre. Bevor ich Gott „ansprach“ musste ich erstmal aus der Kirche austreten und bei Null in Sachen Glauben anfangen! Es gab lauter Fragen, die ich nicht googlen konnte. Wikipedia war keine Hilfe. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen, die mich umgaben, nicht weiterhelfen konnten. Obwohl, jetzt habe ich festgestellt, damals gab es schon einige, mit denen ich darüber hätte sprechen können, doch habe ich es ihnen nicht angemerkt oder gar nicht erkannt, dass wir ja bei ganz vielen Themen schon längst in das Glaubensthema gerutscht waren!“

 

 

Der Ort: Wann, wo und wie?  

 

Kaum jemand aus der Runde hätte von sich aus eine klassische Gesprächsgruppe in einem Gemeindehaus gesucht. Ihr Bild von Kirche und Gemeinde sah eher so aus: Da sitzt man im Stuhlkreis, jeder bekommt eine aufgeschlagene Bibel in die Hand, es gibt roten Tee, und dann wird gebetet. Das passt nicht zu ihrem Lebensstil.

In einer Kneipe aber trifft man sich mit Freund*innen. Da kann man unverbindlich gucken und auch wieder gehen. Darf ein Feierabendbierchen trinken oder etwas essen, wenn durch Stress bei der Arbeit tagsüber keine Zeit dafür war. Es redet sich lockerer. Niemand muss etwas vorbereiten und extra die Wohnung aufräumen.

 

Alle 14 Tage ist ein guter Zeitraum. Da ist zwischen den Treffen Zeit zum Weiterdenken. Da kann ich mal fehlen, ohne allzu viel zu verpassen, und wieder einsteigen. Halb acht abends ist als Anfangszeit auch für Berufstätige und Eltern machbar. Meistens wird bis 22 Uhr heiß diskutiert. Wer will, bleibt danach noch oder zieht weiter. Entscheidend war die Erfahrung der ersten Treffen: „Das war jetzt ein kirchliches Treffen? Aber Gott, die Bibel und das Evangelium waren doch nur ein kleiner Bestandteil des Abends? Sollten etwa in den Bereich Glaube und Kirche noch andere Themen fallen? Themen, die ich bisher niemals mit der Kirche in Verbindung gebracht hatte und die mich tagtäglich betrafen? Das hatte ich noch nie in Erwägung gezogen. Glaube bestand für mich bisher immer nur aus Themen, die sich in einer Kirche abspielten und nicht in meinem alltäglichen Leben! Auf dem Nachhauseweg kam mir der Gedanke, dass ich doch das Thema Kirche grundlegend überdenken und mir klar darüber werden sollte, was Glaube, Gott für mich bedeutet!“

Erstaunt stellten eigentlich alle nach anfänglicher Skepsis fest: Die Leute, die in die Kneipe kommen, sind eine ganz bunte Mischung von Menschen, „alle total sympathisch und auch so, dass man mit ihnen Spaß haben kann; eigentlich so wie Menschen aus meinem Freundeskreis! Die hatten sogar keine Ähnlichkeit mit den Kirchgängern, die ich bisher immer im Gottesdienst gesehen hatte. Oder war ich im Gottesdienst einfach immer nur blind und habe sie gar nicht sehen wollen? Fazit: Es gibt sie also doch in der Gemeinde, die 30- bis Mitte-40-Jährigen. Und einige Vertreter dieser Zielgruppe saßen hier in der Kneipe und ich war ein Teil dieser Gruppe!“

 

 

Die Themen: Was reden wir?

 

„Bereits bei dem zweiten Treffen schlugen alle Themen vor, die wir gern ansprechen wollten. Die Themen, die von den einzelnen vorgeschlagen wurden, trafen bei mir absolut ins Schwarze. Vieles waren Fragen, mit denen ich mich in den letzten Monaten befasst hatte. Doch in der Vergangenheit hatte ich mich hauptsächlich allein mit diesen Themen beschäftigt. Hier in der Gruppe bemerkte ich mehr und mehr, dass viele meiner Fragen bei vielen anderen auch aktuell waren. Die anderen, mit denen ich hier um den Kneipentisch saß, waren bereit, ihre Gedanken zu teilen und auszutauschen – und sich auch meine Gedanken anzuhören und sie zu respektieren. Ich spürte: Dann bin ich ja gar nicht allein mit all meinen Gedanken! Und ich muss sagen, das war ein sehr schönes Gefühl, ein Gefühl, das ich lange nicht kannte!“

 

Die Themen sammeln wir alle paar Wochen. Zurzeit sind das Oberbegriffe wie „Gelassenheit“ und „Freiheit“, „Dankbarkeit“ oder „Überforderung“. Für einige dienen Bücher als Basis oder Ideengeber, etwa „Brot und Liebe“ oder „Stärke Sätze“. Alle bereiten sich so vor, wie es der Zeit entspricht. Manche lesen mehrere Bücher zu einem Thema, andere erzählen von persönlichen Erfahrungen oder Kinofilmen, in letzter Zeit auch mehr und mehr von Gottesdiensterfahrungen und Predigten. Meist sind wir schon nach wenigen Minuten mitten in einem intensiven Gespräch. Es ist ein Running-gag, dass es immer erst dauert, bis der junge Mann zu uns durchdringt und fragen kann, ob noch jemand etwas trinken will.

Eine Zeit lang gab es eine Zusammenfassung per E-Mail: Einer aus der Gruppe schreibt gern. Er bündelte die Diskussion ein paar Tage später, sammelte Literaturhinweise oder Fragen. Das ist leider zeitlich nicht immer machbar.

 

 

Die Gemeinde: Wie gelingt der Weg von der Kneipe in den Dom?

 

Ganz klar: Die wichtigste Motivation ist – Neugier. Die Dom-Gemeinde hat in Lü-beck einen gewissen Ruf. „Man hält sich zum Dom.“ Da trägt man Mantel. Da sind die Gottesdienste so richtig liturgisch, da wird alles gesungen – aber jeden Sonntag sitzen trotzdem 200 Leute da. Das ist faszinierend, fremd und etwas rätselhaft, allerdings nicht gerade niedrigschwellig für Distanzierte und Neugierige. Aber die klare Liturgie hilft, dem Ablauf zu folgen. Persönliche Erfahrungen machten Lust auf mehr: Brautpaare aus der Runde erzählten, wie sehr sie der Traugottesdienst berührt hatte. Einige waren beim Gemeindefest gewesen. Manchmal dient die Gruppe bei Erwachsenentaufen der Taufvorbereitung, und dann wollen andere im Taufgottesdienst natürlich dabei sein. Inzwischen gibt es viele, die sich regelmäßig sonntags zum Gottesdienst verabreden und hinterher Kaffee trinken.

 

Schnell war der Wunsch da: Wenn wir jetzt schon irgendwie Teil der Gemeinde sind, wollen wir auch mehr machen. Mitmachen bei Veranstaltungen und Freizeiten, einen Flohmarkt organisieren zugunsten des Hauses für junge Mütter, das Leute aus der Gemeinde betreiben. Inzwischen gibt es einen richtigen Austausch zwischen Gemeinde und Kneipe. Der Name ist ein stehender Begriff geworden. Zwei Wiedereintritte und zwei Erwachsenentaufen und zwei Paare, die sich gefunden haben, sind die Bilanz auf dem Papier. Aber das, was da sonst bei den Mitgliedern dieser Gruppe und vor allem innerhalb der Gemeinde in Bewegung gekommen ist, geht weit darüber hinaus.

 

 

Die Frage: Was sind wir eigentlich für eine Gruppe?

 

Auch nach drei Jahren hat unsere Runde keinen richtigen Namen. Wir sind eine offene Gruppe, mit einigen, die von Anfang an dabei sind, und mit anderen, die immer mal wieder neu dazustoßen. Eine Gruppe von Menschen, die am Feierabend Theologie treiben und stundenlang über Gott und die Welt diskutieren, weil sie spüren, dass das etwas in ihrem Leben verändert. Fragt man die Teilnehmenden selbst, decken sich ihre Eindrücke sicherlich mit denen von Glaubenskursteilnehmer*innen:

„Seit einigen Monaten befasse ich mich nun erst mit dem Thema Glauben, und Glaubens-Profis würden mich auf einer Glaubens-Skala daher wahrscheinlich noch recht weit unten einstufen. Zurzeit habe ich nicht einmal eine Bibel zu Hause und doch würde ich sagen, dass mich das beides nicht zu einer schlechteren Christin macht. Denn was, wie und wann ich glaube ist ganz allein meine persönliche Empfindung; es ist nichts, was andere Menschen judgen können und sollten. Und wenn ich die letzten Monate so Revue passieren lasse kann ich dann doch ein wenig stolz auf mich sein; bei unseren Treffen, Gesprächen und auch meinen eigenen Gedankengängen habe ich so Einiges dazu gelernt. Obwohl, eigentlich finde ich das Wort ‚gelernt‘ hier sehr unpassend, denn lernen hört sich so nach Regeln, Vorgaben, Stress und Druck an. Vielleicht sollte ich es eher ‚erfahren‘ nennen. Es sind keine Theorien oder Ähnliches, was ich erfahren habe, es ist eher ein Gefühl. Es ist ein Gefühl von Verbundenheit, Gemeinsamkeit, Respekt, Vertrautheit, von Wünschen, Interesse, Achtung und Hoffnung. Es gibt dort draußen Menschen, die so ticken wie ich, die die gleichen Wünsche, Hoffnungen, Zweifel und Probleme haben, und die das alles mit mir und anderen Menschen teilen möchten!

Getauft wurde ich, da es meine Eltern wollten. Konfirmiert wurde ich ‚weil das halt alle machen‘. Ausgetreten bin ich weil ich nicht wusste, ob ich Glaube und was das Wort eigentlich für mich bedeutet. Wiedereintreten möchte ich, weil ich den Glauben fühle. Dass ich irgendwann 100-prozentig hinter der Institution Kirche stehen werde, das glaube ich nicht. Ich werde auch in Zukunft meine Wäsche am Sonntag waschen und aufhängen, und ich bin mir sicher, dass Gott damit weniger Probleme hat als einige Mitmenschen. Mein Glaube soll mir im Alltag weiterhelfen, an guten und an schlechten Tagen, und nicht ein Glaube sein, der sich streng an Regeln hält, die vor vielen Jahrhunderten/-tausenden in Stein gemeißelt wurden. Ich denke, dass ich auch mit bestehenden Zweifeln an dem kirchlichen System ein glückliches und zufriedenes Kirchenmitglied werden kann – denn der menschliche Aspekt und nicht die Institution überwiegt in dieser Beziehung deutlich!“

 

Aus diesen menschlichen Aspekten sind ganz erstaunliche Glaubensgeschichten und Beziehungen entstanden, die unsere Gemeinde total beleben. Wir sind jetzt alle ganz gespannt, wie es weitergeht. Einen Plan haben wir dafür nicht – aber ziemlich viele Ideen und jede Menge Gottvertrauen.

 

Margrit Wegner

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