Ein Barcamp für mehr Leichtigkeit in der Ökumene.

Erfahrungen vom Katholikentag in Münster am 12. Mai 2018

 

 

Mit spritziger Musik verschafft sich die Jugendband des Bistums Magdeburg Gehör in der gut gefüllten Aula.  Samstagnachmittag, 15 Uhr, Gesamtschule Mitte. Das Moderationsduo begrüßt die 85 Personen, die sich zum ersten Barcamp Ökumene auf einem Katholikentag eingefunden haben, und startet gleich auf unkonventionelle Weise: Die Anwesenden geben einen schwarzen Stift als virtuelles Mikrofon herum und nennen dabei neben ihrem Namen drei „Hashtags“, also drei Stichwörter, die typisch für sie sind. Alle lassen sich auf diese temporeiche Vorstellungsrunde ein, die Schlagworte reichen von „Köln“ oder „Fahrradfahren“ bis hin zu „Nähseelsorgerin“ oder „Veränderung“. Schon hier wird deutlich: Der Talent- und Erfahrungsschatz bei den TeilnehmerInnen ist enorm, ebenso die Lust auf Begegnung und Austausch. Und: Ohne Begegnung, ohne Gesichter und Profile gelingt diese Veranstaltung nicht. Ein Barcamp lebt von und mit den Personen, die es mit Leben füllen.

 

Für etliche Anwesende war es das erste Barcamp, das sie je besucht haben. Ein Barcamp hat nichts mit Getränken oder einer thekenähnlichen Gesprächsatmosphäre zu tun. Vielmehr wird in der Programmiersprache ein geplanter Leerraum bzw. ein Platzhalter als „Bar“ bezeichnet. In diesem Sinne meint ein Barcamp ein offenes Format für Workshops und Tagungen, bei dem das Programm nicht bereits im Vorfeld feststeht. Stattdessen werden in den organisatorischen Rahmen gezielt Leerräume eingeplant. In einem einleitenden Plenum werden, unterstützt durch eine Moderation, Themen, Fragen, Impulse, Gesprächswünsche gesammelt. Die Person, die eine Fragestellung einbringt, fungiert als SessiongeberIn und zeichnet sich dafür verantwortlich. Im nächsten Schritt werden nun die Themen mit ihren Verantwortlichen auf einen Stundenplan und auf Räume verteilt. So gestalten die Teilnehmenden die Inhalte und den Ablauf der Veranstaltung selbst. Die sonst übliche Grenze zwischen Referierenden und Zuhörenden verschwimmt. Und die Erfahrung, dass bei Konferenzen die oft neuralgischen Themen oft in den Kaffeepausen aufkommen, wird in eine produktive „Unkonferenz“ umgemünzt.

 

Beim Barcamp Ökumene auf dem Katholikentag wurden vier Sessions bereits im Vorhinein mit eingeladenen ExpertInnen besetzt, um inspirierend die Weite der thematischen Möglichkeiten zu skizzieren. Alle übrigen Zeitfenster und Räume blieben offen für die Fragen und die Expertise der Teilnehmenden. Und tatsächlich entstand spontan ein beeindruckendes Themenspektrum! Es reichte von „Psalm und Twitter“ und Bibelübersetzung über Gemeindepraxis und Sozialwesenarbeit bis hin zu biblischen Erzähldecken, Gedanken zu Kirchbau und der Erfahrung, sich im ökumenischen Engagement als GrenzgängerIn in der eigenen Konfession zu erleben.

 

„Für mehr Leichtigkeit in der Ökumene“ – dieser Leitgedanke entsprach dem Wunsch vieler Teilnehmender: Dass Ökumene nicht mehr als mit Schwere, Zähigkeit und zusätzlicher Pflicht belastet assoziiert und erlebt werde, sondern als Bereicherung und als Erleichterung, um vom christlichen Glauben Zeugnis zu geben. Im Veranstaltungsformat Barcamp findet dieses inhaltliche Bemühen eine sehr passende Form: Die Anwesenden bringen ihre erfahrungsgesättigten Erkenntnisse, ihre Fragen und kontextuellen Lösungsansätze, ihre Impulse als VertreterInnen des mündigen Volkes Gottes in einen unkomplizierten Austausch auf Augenhöhe. Vernetzung wächst, eine gemeinsame Lernerfahrung entsteht „mit Leichtigkeit“. Ökumene erweist sich so als offen auch für neue Wege und Arbeitsformen über das „klassische Ökumene-Publikum“ hinaus, wie der fast 50%ige Anteil an unter 40Jährigen am Barcamp andeutet.

 

Zwei Sessions seien exemplarisch skizziert. Das ökumenische Kirchenzentrum Arche aus Neckargemünd zeichnet sich durch seine Konsequenz aus, wirklich alles, was in der Ökumene möglich ist, gemeinsam zu tun: ein gemeinsames Pfarrbüro, ein „ÖKU-Rat“, Gemeindebrief und Haushalt, Gottesdienste mal getrennt und mal gemeinsam, dann auch mit Taufen – der Alltag der Arche führt in beeindruckender Weise vor Augen, dass die Selbstverpflichtung der Charta Oecumenica nicht bloß auf dem Papier bleiben muss, sondern sich konkret und konsequent wie ein roter Faden durch alle Räume des Gemeindealltags ziehen lässt. Leichtigkeit, so das Fazit von Pfarrsekretärin Petra Melchers und Pastoralreferent Alfred Jordine aus Neckargemünd, bleibt dann nicht nur ein Wunsch, sondern ist bereits eine zentrale Erfahrung: „Wenn das grundlegende „Ja“ da ist, gelingt das Miteinander: selbstverständlich und leicht, ohne zu Jammern, menschenzentriert, hierarchieflach, Chancen nutzend, vielfältig. Es ist erstaunlich, was alles gemeinsam geht, wenn der gemeinsame Glaube die Ausgangsbasis ist.“

 

„Hintertür statt Hauptportal“ – so lässt sich der Wegweiser zusammenfassen, den Pastorin Ulrike Baldermann und Pfarrer Norbert Mertens vom Ökumenischen Barbarazentrum Paschenberg in Herten als Resümee ihrer Session „Ökumene in der WG“ aufgestellt haben. Durch Umstrukturierungs- und vor allem Umbaumaßnahmen in ihren Gemeinden machten sie die Erfahrung wie es ist, beim Anderen zu Gast zu sein und sich schließlich im Barbarazentrum Gottesdienst- und Gemeinderaum zu teilen. „Schnell einen Fuß in die Tür stellen, wenn sich ökumenische Chancen ergeben – man weiß nie, wann sie sich wieder schließt“, so lautet ihre Empfehlung. Es gelte, den Kairos zu nutzen und mutig einen manchmal auch dezenten pragmatischen Weg über den Hinterhof zu wählen.

 

Es liegt in der Natur der Veranstaltung, dass sich kein inhaltliches Gesamtfazit ziehen lässt. Das Barcamp hat gezeigt, dass das, was ökumenisch für engagierte KatholikentagsbesucherInnen dran ist, nicht primär dem entspricht, was die theologischen oder kirchlichen Debatten bestimmt. Die Themen sind so vielfältig wie die Erfahrungen zwischen Frustration und Leichtigkeit. Das Experiment, die Partizipation und Teilhabe für eine mittelgroße Veranstaltung zu steigern und ein offenes, spontanes, flexibles Format zu wählen, hat sich gelohnt. So wird für ein breites Publikum deutlich und spürbar, dass Ökumene nur in der persönlichen Begegnung und in einem offenen Prozess auf Augenhöhe an Leichtigkeit und gleichzeitig an Gewicht gewinnen kann.

 

 

Dr. Stephanie van de Loo

Ökumenisches Tagungs- und Gästehaus Stiftung Kloster Frenswegen

 

Dr. min. Sandra Bils und Maria Herrmann

 

 

 

Dieser Text erscheint außerdem in „Ökumenische Akzente“, Heft 2018.

 

 

 

 

 

 

 

Zurück zu den Veranstaltungen

Das könnte dir auch gefallen: