Welche Gestalt nimmt Christi Gemeinde an?

IMPULSE – 18. Februar 2016

Faszinierendes 
Die TUI-Arena tobt. Um mich herum tausende Menschen, singend, jubelnd und klatschend. Auf der Bühne eine Band, die wohl jedem Musiker im Saal Respekt abringt. Dazu dicke Boxen, riesige Leinwände, eine gigantische Lichtanlage. Ein Technik-Aufgebot wie auf einem Rockkonzert. Aber nicht für ein Konzert bin ich hierher gekommen, sondern für den Willow Creek Leitungskongress. Er richtet sich an Haupt- und Ehrenamtliche aus der deutschsprachigen Kirchenlandschaft. Rund 10.000 sind gekommen, ein bunt gemischter Haufen von Katholiken und Landeskirchlern, Pfingstlern und Baptisten, Reformierten und FEGlern und vielen anderen. So unterschiedlich sie auch sind, sie verbindet ein gemeinsames Interesse: Sie wollen bessere Leiter*innen werden. Und die Chancen stehen gut, dass sie auf ihre Kosten kommen. Die Redner*innenliste lässt sich sehen: international gefragte Management-Expert*innen, charismatische Gemeindegründer*innen, renommierte Theolog*innen und erfolgreiche Autor*innen. Sie reden darüber, wie man sich als Leitungsperson entwickeln, Mitarbeitende fördern und führen, Prozesse in Gemeinden optimieren kann. Was sie sagen, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern durchweg mit Erfahrung gesättigt. Jede einzelne Session ist sekundengenau geplant und multimedial durchgestylt. Und bietet ein Feuerwerk aus geballter Führungsexpertise, musikalisch-künstlerischer Performance, anrührenden Geschichten und bildgewaltigen Videos. Was immer auf Bühnen und Leinwänden präsentiert wird: Die äußere Form lässt sich sehen.

 

Zweifelhaftes 
Genau diese ansehnliche Form ist es, die mich nachdenklich macht. Sie ist Ausdruck der Philosophie von Willow Creek. Es geht darum, Kirche ansprechend zu gestalten. Leute zu erreichen, die sonst keinen Fuß in eine Kirchentür setzen würden. Alle Hindernisse für ihr Kommen zu beseitigen. Kraft und Geld zu investieren, dass die Besucher sich in der Gemeinde wohl fühlen. Darin ist Willow Creek stark. Was dabei heraus kommt, sind Gottesdienste, die einen enormen Unterhaltungswert haben. Und das zieht an: Aus einer anfänglich kleinen Projekt-Gemeinde ist eine Megachurch mit 25.000 Gottesdienstbesucher*innen pro Woche erwachsen.
Der Erfolg dieser Philosophie spricht für sich, und doch melden sich bei mir Zweifel. Will ich diese Gemeindevision unterschreiben? Wenn Gemeinde im Neuen Testament als Leib Christi beschrieben wird, welche Gestalt muss sie dann haben? Schön anzusehen, durchtrainiert und aufgebrezelt, sodass möglichst jeder auf sie fliegt? Hat sich der Gottessohn seinerzeit nicht gerade eine ärmliche und unscheinbare Gestalt erwählt? Sich den Menschen völlig unansehnlich präsentiert? Wie wichtig ist ihm das Streben nach Perfektion und Optimierung in seiner Kirche? War seine Spezialität nicht eher die gnädige Bejahung fehlerhafter Menschen? Und schließlich: Finde ich es hilfreich, wenn Gemeinden das Leitungsideal von Wirtschaftsunternehmen vertreten? Bestehen da nicht doch grundlegende Unterschiede?

 

Mitgenommenes 
Ich saß schon in vielen Willow Creek Kongressen. Immer begegnet mir da Manches, was ich fragwürdig finde, was mich abschreckt oder sogar wütend macht. Aber wie jedes Mal hatte ich auch in der TUI-Arena wieder Momente, in denen ich inspiriert und ermutigt wurde. In beidem, in Abgrenzung und in Zustimmung, habe ich von diesem Leitungskongress profitiert. Durch Auseinandersetzung mit der „Willow-Denke“ wird mein eigenes Kirche-Denken angeregt und mein Profil geschärft. Ich werde wohl nie nur bejubeln und beklatschen können, was ich da höre. Aber mitgenommen habe ich wieder Einiges. Eine Idee für meine zukünftige Gemeindearbeit. Ein paar Anregungen für mein eigenes Leiten. Momente, in denen ich Gott erlebt habe. Und nicht zuletzt: Fragen. Die sind in mancher Hinsicht besser als Antworten. Weil sie mich weiter denken, weiter suchen, weiter ringen lassen. Eine gute Haltung für Leitende, finde ich. Und ein ansehnliches Ergebnis für einen ansehnlichen Kongress.

 

Raphael Below

Zurück zu den Impulsen

Das könnte dir auch gefallen: