Was nährt diese Seele?

IMPULSE – 22. September 2014

Am vergangenen Wochenende fand in Kassel ein Werkstatttag zum Thema „Kleingruppen als Feld experimenteller Ekklesiologie“ statt. Die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste (AMD) hatte in Kooperation mit Kirchehochzwei zum gemeinsamen Austausch eingeladen. Der folgende Artikel von Silke Römhild berichtet vom Werkstatttag.

„Warum stellt sich der Sämann im Gleichnis Jesu eigentlich so blöd an?“ Diese Frage habe er sich früher oft gestellt, berichtete Prof. Reiner Knieling, Leiter des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Am Samstag, 20. September, legte er sie in Kassel den 24 Teilnehmenden des AMD-Werkstatt-Tags zum Thema „Kleingruppen als Feld experimenteller Ekklesiologie“ vor. In Markus 4 wird berichtet, dass nur ein Viertel seiner Saat aufgeht, weil nur sie auf fruchtbaren Boden fällt. „Der Clou daran ist: Man weiß vorher nicht, welches Land fruchtbar ist.“ Übertragen auf die Arbeit von Kleingruppen oder Hauskreisen gehe es darum, vieles auszuprobieren, offen zu bleiben und „ein Gespür dafür zu entwickeln, was wachsen will.“

 

Das sei nicht immer einfach. „Wer sich auf den Geist Gottes einlässt, wird mehrdeutig“, so Knieling. „Wir fühlen uns oft wohler mit Gründlichkeit und Analyse, aber vielleicht brauchen wir einen anderen Modus des Nachdenkens in der Theologie: etwas weniger Kirchengeschichte und mehr Nachdenken über die Zukunft Gottes.“ Dass aus dem Hören auf das Herz fruchtbare Ideen aufstiegen, könne man nicht beeinflussen oder „machen“, sagte Knieling. „Aber wir können daran arbeiten, dass unser Herz sich öffnet, wenn denn Gott sich zeigen will.“ Zwei Fragen gab er den Praktikern der Kleingruppenarbeit aus ganz Deutschland mit auf den Weg: „Wenn die verborgene Kirche die Seele der Kirche ist – was nährt diese Seele?“ und „Welcher Geist verbirgt oder offenbart sich im Leib Christi – ein Geist der Freiheit? Oder der Angst? Oder der Demut?“

 

So war man schnell mitten in lebhaften Diskussionen, ganz nach Wunsch der Veranstaltungsleiter: Philipp Elhaus und Martin Römer vom Haus kirchlicher Dienste in Hannover, Dr. Silke Obenauer von der AMD Baden und Volker Roschke von der AMD-Geschäftsstelle in Berlin. Elhaus begrüßte die Teilnehmenden am Morgen zum „Zukunftslabor“, Roschke betonte das „gehörige Potential von Kleingruppen: Sie sind ein flexibles, anpassungsfähiges und geländegängiges Modell, das sich einklinkt in die Mission Gottes für diese Welt.“

 

Zu Beginn berichtete Pastorin Margrit Wegner über Glaubensgespräche im Café Art in Lübeck. Für die Teilnehmenden gibt es eine Altersobergrenze bei Mitte Vierzig, zur Sprache kämen alle Fragen, die die Anwesenden beschäftigen. Angefangen hat es, als sich eine Frau, die aus der Kirche ausgetreten war, in einer Email an die Pastorin wandte: „Ich habe lauter Fragen, die ich nicht googeln kann, Wikipedia ist auch keine Hilfe.“ Margrit Wegner ging sie besuchen. Und beide waren überrascht, im Gegenüber eine junge, moderne Frau zu entdecken. Gemeinsam entwickelten sie die Idee zu den Glaubensgesprächen, die inzwischen seit drei Jahren 14tägig in dem Café stattfinden.

Astrid Pols stellte Neuaufbrüche in der Kleingruppenarbeit des Marburger Kreises vor: sogenannte Mannschaften zu Themen wie Literatur, Nordic Walking („Walk und Talk“), die Neugier-AG und das Ü-60-Projekt. Oder der „Schweineabend“ für Jugendliche: „Jugendliche sagen uns: Kein Schwein redet mit uns über Fragen des Glaubens – wir tun es.“ Es ginge darum, den Menschen einen Kontakt zu Gott zu vermitteln, so Pols: „Wir verstehen Kleingruppen als Dating-Agentur für Gott.“

 

Gabriele Viecens vom Bistum Hildesheim berichtete über die KCGs: kleine christliche Gemeinschaften, in der römisch-katholischen Kirche. Und Björn Völkers vom hannoverschen Verband Landeskirchlicher Gemeinschaften erzählte von einer Kleingruppe, die sich in einem Tätowierungs-Studio in Oldenburg zusammen gefunden habe. Jeder sei willkommen: „von der Drag-Queen bis zum Bankkaufmann.“ Er sei selbst überrascht gewesen, als bereits im März die Frage aufkam, was sie denn an Weihnachten machen sollten: „Da waren wir sogar noch früher an dem Thema dran als Aldi.“ Sie planten jetzt einen ganz traditionellen Gottesdienst, auf Wunsch der Teilnehmenden. „Die meisten hatten vor vielen Jahren den letzten Kontakt zur Kirche – die möchten keine großen Experimente, die wünschen sich das so, wie sie es von früher in Erinnerung haben.“

 

Im freikirchlichen Bereich werden ähnliche Fragen wie auf dieser Tagung diskutiert, kommentierte am Nachmittag Klaus Schönberg, Referent für Gemeindegründung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland. Heute gelte es stärker als früher vom Einzelfall statt von Allgemeinheiten auszugehen. „Sonst geben wir nur Informationen weiter und keine Transformationen.“ Er bekräftigte, wie sinnvoll eine strukturelle Unterbrechung in Kleingruppen sein könne: „Wir ermutigen solche Gruppen, sich für eine begrenzte Zeit ein bestimmtes Projekt vorzunehmen – dazu kann man wiederum auch gut Gäste einladen.“ Leiter der Kleingruppen sollten ihre Mitglieder immer wieder von der „Komfortzone“ in die „Lernzone“ führen – sonst gerieten sie angesichts von Veränderungen allzu schnell in die „Panikzone“. Konkret nannte er das Gleichnis von der Aussendung der 72: „Ohne Geld, ohne Schuhe, ohne alles – das war auch für die damalige Zeit schon ziemlich experimentell.“ Dabei lerne man vor allem, wie fruchtbar die Erfahrung der Abhängigkeit von anderen sein könne: „Gehen Sie doch mal ohne Geld in ein türkisches Teehaus – Sie können sicher sein, dass Sie eingeladen werden.“

 

Regens Dr. Christian Hennecke, Leiter des Fachbereichs Missionarische Seelsorge in Hildesheim, nahm in seinem Kommentar den Begriff des Experiments auf: „Wer ist denn eigentlich derjenige, der dieses Experiment macht?“ Es seien nicht die Pastor*innen, sondern Gott selbst: „Die Kirche ist Gottes Experiment mit dieser Welt – aber um das wahrnehmen zu können, müssen wir im Entdecker-Modus sein.“ An den verschiedensten Stellen ereigneten sich bereits Veränderungen und Aufbrüche: „Wir müssen den Raum dafür schaffen und neu zu sehen lernen.“ Ein kontemplativer Blick erkenne, dass Gott bereits überall in seiner Welt am Werk sei: „Ich muss ihn nicht erst hinbringen.“ Allerdings sei er unschlüssig, was das Wort „Kleingruppe“ angehe. „Letztendlich geht es doch immer darum, einen Raum zu eröffnen, an dem im Hier und Jetzt der Herr erfahrbar wird.“

 

Silke Römhild

 

 

Nachtrag: Die Links wurden 2018 aktualisiert, weshalb die im Text angegebenen Informationen teilweise nicht mehr denen auf den verlinkten Seiten entsprechen.

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