Was lernen wir von den Meistern?

IMPULSE – 1. Oktober 2015

Sebastian Baer-Henney ist Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland und arbeitet in Köln. Ein Jahr lang hat er in England gelebt und in dieser Zeit 30 Fresh X-Gemeinden besucht und kennen gelernt. In unserem Blog berichtet er nun von seinem Projekt „beymeister“ und stellt sein Buch vor, das von seinen Erlebnissen und Erfahrungen in England erzählt.

 

Viele Gemeinden haben ein Problem. Obwohl sie in ihrem Bezirk gute Angebote machen, kommen zu wenig Menschen. Man könnte denken: Selbst Schuld, wenn die Leute nicht kommen, sie verpassen was. Man könnte aber auch denken: Unser Problem, wenn die Menschen nicht kommen, weil wir sie nicht erreichen können. Es ist ein bisschen wie mit einem Laden. Wenn die Kunden nicht kommen, verpassen sie vielleicht tolle Produkte. Am Ende geht aber der Laden pleite und nicht die Kunden. Viele Menschen sehen in der Kirche keine Relevanz. Nicht, dass sie kirchenfeindlich wären oder übermäßig kritisch. Nein, sie denken sich eher: „Schön, diese Kirche, für all jene, die damit was zu tun haben. Für mich aber nicht.“ Und viele dieser Menschen glauben an Gott, beten, hoffen, halten sich in ihren Lebensfragen an ihn – dass ihnen die Kirche dabei mit denselben Fragen weiterhelfen könnte, sehen sie nicht. Nicht ihre Musik, ihre Zeiten, ihre Leute.

Stattdessen treffen sie sich mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, klären ihre Lebensfragen im Café, bei Konzerten oder im Schrebergarten. Viele Menschen haben da ganz verschiedene Interessen und in ihren Gruppen finden sie zusammen.

 

All diese Erkenntnisse sind nicht neu. Seit Jahrzehnten beobachten die Kirchen diese Entwicklung, und tatsächlich ist schon Einiges passiert. Eine wichtige Rolle spielt England, weil man hier schon recht früh angefangen hat, sich dem Problem zu stellen – und nicht nur das. Es sind viele kleine neue Gemeinschaften entstanden, neue Ausdrucksformen des Glaubens, der Kirche, der Gemeinde. Diese oft als Fresh Expressions of Church bezeichneten Gemeinschaften bringen es zustande, dass Glaube und Kirche in der Lebenswelt der Menschen wieder relevant werden. Alte, geschlossene Kirchen werden wieder eröffnet, andere Gruppen finden auf ganz andere Weise zusammen – aber alle zusammen bieten sie ein Bild, das Hoffnung weckt.

 

Ein Jahr habe ich in England verbracht, diese Gruppen eingehend studiert und Ideen dafür entwickelt, wie es in Deutschland ähnlich funktionieren könnte. Ich bin dabei nicht allein. Einerseits gibt es inzwischen ein gutes Netzwerk auch in Deutschland, in dem man sich beraten lassen kann (nicht zuletzt Kirchehochzwei), andererseits habe ich mit der Gemeindepädagogin Miriam Hoffmann eine Partnerin gefunden, die ein Projekt mit mir in Deutschland realisieren wollte.

Wir haben es beymeister genannt. In den mittelalterlichen Zünften waren die Meister füreinander da. Sie saßen beieinander und haben sich in ihren Angelegenheiten geholfen, ohne sich reinzureden. Sie waren sich Beymeyster. Genau das ist es, was wir wollen. Darum gehen wir hin zu den Menschen. Wir setzen uns auf einem Sofa an den Rhein, dorthin, wo sich ihr Leben abspielt, und trinken mit ihnen Kaffee. Guten Kaffee, denn auch das machen sie gerne. Und wir reden über ihr Leben. Über das, was gut ist, über das, was schwierig ist. So sprechen wir mit den jungen Kreativen, mit den jungen Familien, den Alleinerziehenden, den Menschen aus der Generation xy – Leuten in unserem Alter halt. Wir veranstalten Chaoskirchen, wuselige Eltern-Kind-Gottesdienste mit gemeinsamem Abendessen. Wir haben den geschlossenen Beachclub am Rhein für einen Tag wieder aufleben lassen. Wir feiern mit den Menschen einen liturgischen Feierabend – Abendglanz – und blicken auf das Glanzvolle des Tages zurück. All dies tun wir, weil wir glauben, dass Kirche auch in der Lebenswelt jener Relevanz gewinnen kann, die sie bisher als etwas ganz anderes wahrgenommen haben, das sie nicht betrifft. So schaffen wir Gemeinschaft, zu der die Menschen doch berufen sind – und wir lassen sie glänzen, wenn sie einander beymeister werden. Ermöglicht wird das Projekt durch eine Zusammenarbeit der evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein und dem Verein Wunderwerke e.V. Ein wesentlicher Teil des Geldes wird aber aus Spenden eingeworben.

 

Die Idee zu den beymeistern entstand nicht aus dem Nichts. Meine Begegnungen in England waren mir hier Inspiration und Ermutigung. Wer sich selber inspirieren lassen will, der kann dies tun. In dem Buch Fresh X live erlebt. Wie Kirche auch sein kann (Brunnen-Verlag) erzähle ich 30 Geschichten von 30 Gemeinden in England, die vieles anders machen – das macht Lust und lädt ein zum Kreativsein.

 

Mehr Infos zu den beymeistern gibt es auf www.beymeister.de . Und wer mag, kann uns auf Twitter folgen: twitter.com/dieBeymeister .

 

Sebastian Baer-Henney

 

         

 

 

 

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