Verzeihung, gestalten Sie?

IMPULSE – 29. April 2016

Schreibgespräche. Zu bestimmten Themen und Fragestellungen werden große Zettel ausgelegt. Man geht durch den Raum, man schreibt ein paar Gedanken zu den einzelnen Fragen. Der nächste kann kommentieren und ergänzen, erwidern oder bestätigen. Nach und nach entsteht ein Netz aus Sätzen und Worten, Meinungen und Ideen, verbunden mit vielen verschiedenen Pfeilen und Strichen.

 

Aber was passiert, wenn du die Blätter gegen ein Stück Straße eintauscht und statt einem Kugelschreiber Kreidestücke verwendest? Das Gespräch wird öffentlich. Es wird bunt und groß. Es wird ein Kunstwerk.

 

Guerilla Art ist Kunst an öffentlichen Plätzen. Einmal einen Schritt zurücktreten und sich einlassen. Sich Zeit nehmen. Ablenken lassen und dadurch konzentrieren. Sich Fragen stellen und herausfordern lassen.

 

Es sind einfache Fragen: Fragen nach Glück und Stolz, nach Erfolg und Scheitern, nach Freude und Angst. Existentiell, ehrlich. Einfach?

 

Was wir bereits für ein paar Wochen vor unserem Büro ausprobiert haben, ist nun zu einem Workshop geworden. In dieser Woche hatten wir eine Gruppe aus dem Bistum Trier zu Gast. Gemeinsam haben wir über neue Formen von Berufungspastoral nachgedacht. Wenn Berufung mehr ist, als die Suche nach Pfarrer*innennachwuchs, wie muss dann Berufungspastoral heute aussehen? Eine allgemeine Antwort kann es für diese Frage wohl nicht geben. Bei der Vorbereitung des Workshops war uns klar: Wir wollen keine Rezepte vermitteln, Aktionen vorschlagen oder DEN richtigen Weg aufzeigen, denn es geht nicht um die letztendliche Form, sondern vor allem um die Haltung, die dahinter steht. Es ist eine Haltung, die der der Guerilla Art ganz ähnlich ist und so wurden aus einem Workshop mit Vorträgen und Arbeitsphasen zwei Tage mit Straßenexerzitien und eigener Street Art.

 

Bei der Vorbereitung einer eigenen Kunstaktion ist der erste Schritt nicht die Entscheidung über Form, Material oder die Art der Darstellung. Der erste Schritt ist immer die Botschaft. Was liegt dir am Herzen, was möchtest du den Leuten mit auf den Weg geben? Für diese Botschaft brauchst du einen guten Ort und eine Gruppe von Menschen, die du erreichen willst. Wo kannst du sie erreichen und zuletzt wie? Welche Form entspricht gleichzeitig dir, deiner Botschaft und auch denen, die du erreichen willst?

 

Finde eine Form, die zu dir passt. Trau dich, Grenzen und Hindernisse zu überwinden, aber achte darauf, dass du dich dabei gut fühlst. Auch deine Botschaft hat viel mit dir zu tun. Du kannst nur das gut vermitteln, was dir wirklich wichtig ist, nur die Botschaft transportieren, die für dich eine Bedeutung hat. Finde eine Form, die zu deiner Botschaft passt und suche nicht nach der Botschaft zur Form. Überleg dir genau, wen du erreichen willst, für wen deine Botschaft relevant ist und wie du auf diese Menschen zugehen kannst.

 

Und dann kommt das Warten. Warten auf Reaktionen und auf das, was passiert. Als wir am Mittwochmorgen im Bahnhof standen und aus einiger Entfernung beobachteten, wie die Menschen auf unsere Aktionen reagierten, zählte niemand mit, wie viele mitmachten und sich trauten. In der Reflexion sprachen wir nicht von Prozentzahlen der erreichten und nicht erreichten Menschen. Wir erzählten von dem, der voller Begeisterung auf die Aktion zu rannte, bevor sie überhaupt fertig aufgebaut war. Wir sprachen von ihrem Grinsen, von seinem Lächeln. Es waren nicht die großen Zahlen, sondern die einzelnen Begegnungen und Erlebnisse. Woran misst du Erfolg?

 

Guerilla Art spielt mit dem, was da ist. Sie spielt mit Orten und Räumen, sie spielt mit den Gedanken der Menschen. Sie will herausfordern und ansprechen. Fragen aussprechen und zum Nachdenken anregen. Sie gibt nichts vor. Sie fordert auf. Und worum geht es bei Berufung? Darum, Neues zu schaffen oder vielmehr darum, vorhandene Schätze zu heben? Vielleicht ist vieles bereits da, wir müssen nur lernen, es zu entdecken. Guerilla Art ist eine Haltung, keine Aktion.

 

„Seht die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen!“ Offenbarung 21, 3.

 

Hier gibt’s Bilder!

 

Julia Schönbeck

 

Nachtrag: Gekürzte Fassung der Redaktion.

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