Über welche Lücke springst du?

IMPULSE – 13. Mai 2016

Schon während unserer Studienreise im September 2015 wurde uns klar, dass wir uns eine nachhaltige Form der Dokumentation dessen wünschen, was wir in England erfahren, lernen und erleben durften. Auf unserer Reise besuchten wir vielfältig inspirierende Initiativen in der englischen Hauptstadt, die in all ihrer Unterschiedlichkeit ein Bild zeichnen von einer einer Kirche, die auf Menschen zukommt und neue Wege geht, einer Kirche, die verbunden ist durch ihre Sendung.

 

Alle Teilnehmer*innen der Reise sind gebeten worden, über jeweils eine der besuchten Gemeinden oder einen der Gottesdienste zu schreiben. Es ging dabei nicht um eine sachliche Berichterstattung, sondern einen persönlichen Eindruck. Die Texte enthalten auf diese Weise über den reinen Bericht hinaus auch persönliche Gedanken, Fragen und Verknüpfungen zur eigenen Arbeit in Deutschland. Die Berichte werden ergänzt durch die zauberhaften Bilder von Rolf Krüger, der unsere Reise begleitete.

 

Wir haben einige Monate an diesem Magazin gearbeitet. Wir sind allen Beteiligten sehr dankbar für die Texte und Bilder, die diese Dokumentation ausmachen. Es ist unsere erste Publikation dieser Art und wir freuen uns über das Ergebnis, auch wenn sich hier und da ein Fehler eingeschlichen hat. Aber ist Schönheit denn immer Perfektion? Und kann so ein Magazin, das authentisch und mit leuchtenden Augen berichten will, nicht gerade so von den zerbrechlichen und gleichzeitig so starken Momenten der Aufbrüche in unserer Kirche erzählen?

 

Mind the gap haben wir das Ganze genannt. Mind the gap – Das hört man sehr häufig, wenn man in London unterwegs ist. Gerade dann, wenn man das berühmte U-Bahn-Netz, die so genannte Tube benutzt. »Mind the gap, please!« tönt es dort aus den Lautsprechern, sobald die Bahn zum Stehen kommt. Ein Hinweis, dass es zwischen dem Bahnsteig und dem Fahrzeug einen nicht unerheblich großen Spalt gibt. Man muss einen Schritt machen. Und dabei bitte nicht ins Stolpern geraten!

 

Achte auf den Spalt, die Lücke, das Unverbundene! Das ist auch eine der Grundregeln, die sich Pastoralreisende immer wieder vor Augen halten müssen. Wenn wir losgehen, um Inspirationen und Erfahrungen für unser zukünftige Kirche zu sammeln – und wenn wir danach wieder nach Hause, in unsere eigenen Kontexte zurückkehren.

 

Wir sind auf der Suche nach neuen, frischen und anderen Ausdrucksformen von Kirche und Gemeinde, um in einen regenerativen und missionarischen Prozess der Kirchenentwicklung einzutauchen. Dabei lassen sich die Erfahrungen der inspirierenden Orte und Initiativen nicht einfach so koppeln und kopieren. Es gibt auch hier eine Lücke zwischen den Kontexten. Zwischen der Reise, mit der wir neue Visionen für morgen »erfahrbar« machen können und dem Ort, an den wir wieder zurückkommen – aussteigen sozusagen. Doch den Schritt müssen wir wagen, um Unverbundenes in Gemeinde und Kirche, Gesellschaft und Welt zu überwinden – im Kopf und auch im Herzen.

 

Der Titel der Dokumentation will genau darauf aufmerksam machen. Es kann wohl niemals ein Rezept für Fresh Expressions of Church oder andere Aufbrüche in der Kirche geben. Wir müssen uns im Haltungswechsel und Kulturwandel üben. Kirche muss zu den Menschen passen, die sie erreichen will. Eine kontextuelle Gemeindearbeit kann grundsätzlich nicht nach einem festen Schema aufgebaut werden, das an allen Orten funktioniert.

 

Das kann vielleicht an einzelnen Stellen funktionieren, aber Fresh Expressions sind mehr als moderne Projektarbeit, die Menschen dazu bringen soll wieder zurück in die Kirche zu kommen. Das, was sie prägt, was sie ausmacht, ist eine Haltung. Im Mittelpunkt dieser Haltung stehen Sendung und der Dienst an den Menschen, hinausgehen und bleiben. Nicht hinausgehen, um hereinzuholen. Die Suche nach Gott und die Erkenntnis, dass er bereits da ist. Da an den Orten, an denen von Kirche nichts zu sehen ist. Da bei den Menschen, von denen wir glauben, wir könnten sie niemals erreichen. Es geht um die Erkenntnis, dass es nicht unsere Mission ist, sondern dass wir alle in unserer Unterschiedlichkeit und ökumenischen Vielfalt Teil der Mission Gottes sind.

 

Fragen am Ende jeden Textes laden ein, das Gelesene auf die eigene Arbeit zu beziehen, Haltungen zu hinterfragen und lassen so das Magazin von einer Sammlung englischer »Best practice«-Beispiele zu einem Arbeitsheft werden.

 

Wir sprechen von Kontextualisierung – aber weiß ich denn überhaupt, was die Menschen in meiner Gemeinde bewegt?

 

Erlaube ich mir, selbst zu probieren, etwas zu wagen, scheitern zu wagen?

 

Was wäre, wenn wir versuchen würden, Kirche für Menschen wie uns zu sein, wenn wir versuchen würden, auf unsere Gaben und Visionen zu hören anstatt an alten Formen festzuhalten?

 

Und wo fängt für mich Kirche an?

 

Mind the gap! Über welche Lücke springst du?

 

Hier geht’s zum Magazin!

 

Julia Schönbeck

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