Tulpen aus Amsterdam?

IMPULSE – 19. November 2013

… haben wir nicht mitgebracht von der Klausur des Fachbereichs „Mission.Tourismus.Geistliches Leben“, die uns vor zwei Monaten in die Hauptstadt der Niederlande führte. Aber dafür einen bunten Blumenstrauß an Begegnungen und Erfahrungen aus dieser lebendigen Metropole, in der nur noch 4 % der Bevölkerung der protestantischen Kirche in den Niederlanden angehören. Wie die Zahl schon vermuten lässt, hat sich in den Niederlanden innerhalb einer guten Generation ein kirchlicher Erdrutsch ereignet. Aus einer volkskirchlichen Einbettung finden sich die Kirchen nun in einer Minoritätssituation am Rande der Gesellschaft wieder und begegnen weitgehend einer antikirchlichen Haltung. In dieser Situation gibt es keine Inseln gelingender Kirchlichkeit mehr, auf die man sich zurückziehen könnte. Aber zahlreiche interessante Experimente und Aufbrüche, wie man Gemeindearbeit und kirchliches Leben neu erfinden kann.

 

Beispielsweise in der Martin-Luther-Gemeinde in einem Amsterdamer Quartier mit vielen kleinen Eigentumswohnungen. Dort schrumpfte die Gemeinde auf 30 Namen in der Gemeindekartei zusammen. Natürliche Folge: Zusammenlegung mit einer anderen Gemeinde und Schließung des Kirchengebäudes. Doch Pastor Dr. Andreas Wöhle und der Kirchenvorstand entschieden sich für einen kreativen Neustart und setzten dabei auf ein besonderes Kapital: den Kirchenbau und die angegliederten Gemeinderäume. Denn seit der Schließung der Bürgerhäuser durch die Stadt fehlte dem Quartier die Möglichkeit eines lokalen Treffpunkts. So öffnete die Gemeinde ihre Räume für Bürgerinitiativen, Vereine, Konzerte, Vernissagen, einen Tanzworkshop, öffentliche Podiumsveranstaltungen. Musiker, die kein Geld für eigene Übungsräume haben, treten dafür umsonst in der Kirche auf. Ein Keller wurde zur „Martin-Luther-Longe“ umgebaut. Denn in jeder Veranstaltung gibt es neben der Begrüßung durch die Gemeinde eine Pause, in der Mitarbeiter bei Wein, Bier, Saft und Wasser ansprechbar sind und, das Entscheidende passiert in den Pausen.

 

Die Kirchenräume entwickelten sich zu einem spirituellem, kulturellem und diakonischem Zentrum für das Quartier. Kirche vor Ort wird relevant für ihre Anwohner*innen und gewinnt ein positives Image. Die Begegnungen bei unterschiedlichen Anlässen führen zu Kontakten zwischen Besucher*innen von Konzerten, zivilgesellschaftlichen Aktionsgruppen und Gottesdiensten. Die verschiedenen Gruppen mischen sich. „Kreuzbestäubungen“ nennt dies Andreas Wöhle. Statt der 30 Mitglieder in der Gemeindedatei hat er nun 600 e-Mail-Adressen in unterschiedlichen Verteilern. Und macht sich neu Gedanken über Begriffe von Gemeinde und der Bedeutung von Taufe, weil die Grenzen von Zugehörigkeit und Mitgliedschaft, Teilnahme und Engagement so fließend geworden sind. Ein besonders Beispiel für eine „liquid church“, die mutig den Fall in die eigenen Bedeutungslosigkeit unterläuft und zu ganz neuen Ufern aufbricht: lebensraumorientiert, phantasievoll, partizipativ – und voller Vertrauen auf Gottes Nähe bei den Menschen, die gemeinsam entdeckt werden will.

 

Philipp Elhaus  

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