Mut zum Kontrollverlust?

IMPULSE LITERATUR – 1. Oktober 2018

Sie haben es sicherlich schon bemerkt: Seit dem Neustart unserer Website dreht sich hier sehr vieles um Fragen. Wir gehen dabei davon aus, dass beim Nachdenken über die Zukunft Fragen, das Zuspitzen von Fragen und eine fragende Haltung eine entscheidende Rolle spielen. Auf der Suche nach neuen Fragen helfen Erfahrungen, manchmal auch aus ganz anderen Bereichen. In diesem Sinn verweisen wir hier zukünftig auf literarische Entdeckungen, die uns dem Fragen weiterhelfen. Den Anfang macht ein Buch, das uns seit einiger Zeit begleitet und viele unserer Workshop-Formate und inhaltlichen Impulse bereichert hat. 

 

Was haben Wikipedia, Craigslist und Skype mit der Frauenrechtsbewegung gemeinsam? Oder mit den Anonymen Alkoholikern? Warum sollten alteingesessene Organisationen mehr wie Seesterne werden? Was können Wirtschaftsgiganten von den White-Mountain-Apachen lernen? Und was passiert, wenn Seesterne gegen Spinnen kämpfen?

 

In „Der Seestern und die Spinne“ liefern Ori Brafman und Rod A. Beckström Antworten auf diese Fragen. In einer abwechslungsreichen Rekapitulation unternehmerischer (Miss-)erfolgsgeschichten ziehen die Autoren feine Schlüsse und unerwartete Analogien und filtern daraus Prinzipien organisatorischer Strukturen, die Zukunft versprechen. Wer in dieser komplexen Welt mit einem Unternehmen erfolgreich sein will, braucht Seestern-Momente in seiner Organisationsstruktur – ungefähr so ist zumindest die Behauptung der Autoren.

 

Seestern-Momente? Verliert eine Spinne ihren Kopf, dann stirbt sie. Verletzt sich ein Seestern so, dass er ein Bein verliert, entstehen daraus zwei Seesterne – ein Neuer und ein Regenerierter. Warum? Nun ja, die Spinne hat ein Zentrum, ihren Kopf, eine Schaltzentrale, von der aus alles gesteuert wird. Seesterne nicht. Sie überleben auch ohne Kopf. Jedes Bein kann ohne Befehle oder Schaltzentrale reagieren. Autonom. Innovativ. Offen.

 

Auf beeindruckende Weise zeigen die Autoren an zahlreichen Beispielen auf, wie in den letzten Jahrzehnten Netzwerke entstanden sind, die ganz im Zeichen des dezentralen Prinzips der Seesterne funktionieren und genau deshalb eine Zukunft haben. Sie beschreiben die Unbezogenheit und das Unverständnis der bis dato von Spinnenorganisationen – ein Chef, eine Konzernzentrale, Hierarchien – übersäten Welt gegenüber diesen Netzwerken und schlussfolgern mit Blick auf die erzählten Geschichten, was die Komplexitätsforschung bestätigt: Traditionelle, unilaterale Hierarchiegefälle kommen in einer zunehmend pluraler werdenden Umwelt an ihre Grenzen. Die große Herausforderung für Unternehmen in Zukunft ist deshalb die Etablierung dezentraler Strukturmomente und Prinzipien und die Entwicklung netzwerkfähiger Führungskräfte. Dies gilt für sich neu gründende Unternehmen und mindestens genauso dringlich für bereits bestehende, spinnenähnliche Gebilde.

 

Aber warum ist ein Buch über die Erfolgsgeschichten von Ebay, Toyota und Co. heute immer noch aktuell? Weil doch irgendwie nichts aktueller ist als die Frage nach dem Umgang mit komplexem Terrain und dem Gang auf diesem. Und weil die Betrachtung solcher Seesternorganisationen mehr sein kann als reines Staunen und Erkennen.

 

Und was hat das mit einer Zukunft der Kirche zu tun?

 

Nun, am Anfang eines jeden „erfolgreichen“ Netzwerks stehen, nach Meinung der Autoren, Menschen mit einem ganz bestimmten Interesse, einem Ziel, einer Vision, einer Frage. Da stehen Werte wie Gleichberechtigung, Teamwork und direkte Kommunikationswege, die von Anfang an in Organisationsstrukturen und Handlungskulturen verankert werden. Da steht bei vielen die Motivation, anderen zu helfen und das Talent, Menschen miteinander zu vernetzen. Der Mut zur Flexibilität, das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen und emotionale Intelligenz, zu erkennen, wo diese andere Seite sein könnte. Da steht ein Wille, die Mission voranzutreiben und nicht den Erfolg der eigenen Person. Da steht eine Haltung, die Inspiration und Innovation ermöglicht. Die Frage ist vielleicht viel eher: Warum hat all das nicht schon viel mehr mit Kirche zu tun?

 

Antonia Lelle

 

„Der Seestern und die Spinne. Die beständige Stärke einer kopflosen Organisation“

 

von Ori Brafman und Rod A. Beckström
1. Auflage Oktober 2007
192 Seiten, Hardcover
Fachbuch
ISBN: 978-3-527-50345-2
Wiley-VCH, Weinheim

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