Mit Zungenpiercing vom Heiland reden?

IMPULSE – 2. März 2015

„Mit Zungenpiercing vom Heiland reden“. Der Titel des diesjährigen Forums Missionarische Kirche lockte knapp 50 Gäste am 18. Februar zum Forum Missionarische Kirche nach Hannover, das in diesem Jahr in Kooperation mit Kirchehoch2 stattfand. Bunt gemischt in der konfessionellen Zusammensetzung und im Altersspektrum ließ man sich von reformierten Gästen aus der Schweiz in „Ups und Downs“ der kirchlichen Erneuerung im Kanton Zürich mit hineinnehmen.

 

Eine aufdringliche Zunge, herausgestreckt, dass man ihr Piercing sieht, und ein Heilandsbildchen, zu dem der Schweizerpsalm passt, die Nationalhymne der Schweiz von 1841: Trittst im Morgenrot daher, / Seh’ ich dich im Strahlenmeer! So begann der Tag im Hanns-Lilje-Haus. Warum? Die Zunge stand für die Lebenswelt der Eskapisten, die weit weg liegt von jenen beiden Lebenswelten, die Kirchen in Deutschland wie in der Schweiz auch in der Fläche erreichen: von den Genügsamen und den Traditionellen. Matthias Krieg führte aus, dass die Prognose derjenigen Forschung, die den institutionellen Output misst, durchaus berechtigt ist: Die reformierte Kirche wird kleiner, älter, ärmer, sofern sie bei den beiden erreichten Lebenswelten bleibt. Anders kann es allerdings kommen, wenn sie sich derjenigen Forschung zuwendet, die den humanen Input wahrnimmt, den Menschen mental und habituell längst vor der Institutionalität von Kirche leisten. Um ihn zu erkennen, ließen die Zürcher als erste protestantische Kirche eine eigene Sinusstudie mit eigenen Vorgaben durchführen: Wo holen sich Lebenswelten ihren religiösen Bedarf? Wie verorten sie sich? Welche Zeitdramaturgie ist für sie typisch? Wie sähe ihre Kirche aus, wenn man Sie gestalten ließe? Krieg stellte den Ansatz und die Ergebnisse vor. Die Zürcher Kirche arbeitet mit Lebenswelten, so heißen die beiden Bände, um aus der Milieuverengung herauszukommen und das wirkliche Potenzial fürs Evangelium zu erkennen. Potenzial statt Dekadenz ist die Losung.

 

Anschaulich wurde es auf dem ausgerollten Milieuteppich der Schweizer Lebenswelten. Leitende und Teilnehmende ließen sich entlang ihrer Biographie aufstellen. Krieg empfahl den Teppich für alle kirchlichen Kleinregionen, die Aufstellung auf ihm für alle gemeindlichen Teams. Warum? Wer weiß, welche Lebenswelten er biographisch von innen kennt, mit welchen er durch Verwandte und Freund*innen von aussen vertraut ist und, ja, auch dies: mit welchen er spontan am liebsten gar nichts zu tun haben will, kann gemäß seinem persönlichen kulturellen und religiösen Kapital eingesetzt werden und dabei viel intrinisische Motivation und viel kirchliches Commitment entwickeln, ob professionell oder freiwillig, immer aber im Team.

 

Sabrina Müller, die soeben ihre Doktorarbeit über die anglikanischen Fresh Expressions of Church eingereicht hat, berichtete von reichen Erfahrungen aus vielen Besuchen, Beobachtungen und Gesprächen. FreshX betreten Neuland, gehen in unbekannte Lebenswelten, bringen Kirchenferne und Unkirchliche mit Lebensfragen und Bibeltexten in Berührung. Mittlerweile sind sie in England anerkannte Größen. Fürs kontinentale Europa sind sie Herausforderungen, die eigenen monokulturellen Strukturen um der Menschen und des Evangeliums willen zu öffnen und zu verflüssigen. Missio bedeutet Auftrag, und Missio Dei ist der Auftrag, den nicht die Kirche sich selbst gibt, sondern der ihr von Gott gegeben ist und deshalb ihre raison d’être bedeutet. A church without a mission is not a church. Verwaltung der Dekadenz ist nicht die Daseinsberechtigung von Kirche, wohl aber Sichtung und Bearbeitung des Potenzials.

 

In diesem Sinne geht es, wie das abschließende Doppelreferat zeigte, um nichts weniger als einen Wechsel der Perspektive, der unwillkürlich zu einem Wechsel des Paradigmas führen wird: zu einer Mixed Economy of Church anstelle der monokulturellen Losung: One size fits all. Zur evangelischen Biodiversität anstelle institutioneller Monokultur, zum Regenwald anstelle der Plantage.

 

Der Nachmittag war als Anleitung gedacht, Indikatoren des religiösen Hungers zu erkennen. Blue Religion heißt das Projekt, mit dem Müller und Krieg gerade erst begonnen haben. Es geht um die individuelle Religion des Montags neben der institutionellen des Sonntags, um die religiöse Sehnsucht der blue hour, um die religiöse Gefühlslage des being in the blues, die sich jenseits geprägter Sprache und Bilder längst entfalten. Beispiele, die in Kleingruppen interpretierbar waren, kamen aus der Mode, dem Design, der Street Art. Sie zeigen, dass in nachsäkularer Zeit der religiöse Input des Einzelnen längst Gestalt gewinnt, ein Potenzial, das nichtkirchliche Bereiche der Gesellschaft längst nutzen und sogar bewirtschaften. Religion als Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Und wir, die Kirche?

 

Dr. phil. Dr. theol. Matthias Krieg

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