Exodus – wohin?

IMPULSE – 3. März 2016

Nach neun Jahren Abstinenz bin ich am 27. Februar 2016 mal wieder auf der „Missionale“ unterwegs. Die Veranstaltung ist nicht nur für mich eine alte Bekannte: Sie kann auf eine über 30-jährige Tradition zurückblicken und hat einen festen Platz in Deutschlands missionarischer Szene. „Aufmachen“ – so lautet das Thema des diesjährigen Treffens. Und aufgemacht zum Kölner Congress Centrum haben sich auch 2016 so einige: An die 4000 Christ*innen, die sich der missionarischen Arbeit verschrieben haben. Wenn sie da sind, werden sie – je nach Altersgruppe – in die Kinder-, Jugend-, oder Erwachsenen-Veranstaltung gelotst. Vor neun Jahren hatte ich mit meiner damaligen Band beim Jugendfestival gespielt. Dieses Mal hat mich meine Arbeitgeberin Kirche² losgeschickt, damit ich mir ein Bild vom Erwachsenenprogramm mache. Also los.

 

Wir starten mit einer „Stunde der Besinnung“. Dahinter verbirgt sich eine recht konventionelle Bibelarbeit mit dem Missionale-Vorsitzenden, Pastor Christoph Nötzel. Ich höre: Wer sich künftig missionarisch engagieren will, braucht ökumenische Vernetzung. Wasser auf unsere Kirche²-Mühlen. Nicht viel Neues für mich, aber viel Richtiges. Zwischendurch, neben etwas gealtertem „neuen geistlichen Liedgut“, Musik von einer Acapellaband namens „Undivided“.

 

Im Anschluss eine „Stunde der Begegnung“: Die Besucher*innen können sich an Infoständen und Büchertischen über missionarische Vereine und Initiativen erkundigen, sich mit Literatur eindecken oder an Stehtischen zu Kaffee, Tee und Kuchen zusammen kommen. Eine schöne Idee, und der Kuchen überzeugt mich. Beim Flanieren erregen insbesondere zwei Stände meine Aufmerksamkeit: das liebenswerte grüne Retro-Sofa von den „Beymeistern“, einer FreshX in Köln-Mülheim, deren Gründer alte Kirche²-Bekannte sind. Und der Stand von „Wunderwerke“, einem Dienstleister für missionarische Jugendarbeit. Mein Eindruck: Hier wie da wird richtig gute Arbeit gemacht.

 

Mit der „Stunde der Ermutigung“ wird die letzte Runde des Programms eingeläutet. Acht Themenforen stehen zur Auswahl, von denen auch Kirche² eines ausrichtet: Dr. Christian Hennecke und Philipp Elhaus berichten von der Vernetzung zwischen Bistum Hildesheim und der Landeskirche Hannovers, den Synergieeffekten, die bei uns daraus entstehen. Daneben eine Reihe anderer Foren, die einen Besuch wert wären. Ich entscheide mich schließlich für „Theologie aufmachen: neues Denken und ungewohnte Zugänge zur alten Botschaft“, dem Themenforum von Prof. Siegfried Zimmer von der PH Ludwigsburg. Als mir klar wird, was mich erwartet, bin ich enttäuscht. Der Mann legt Moses Berufungsgeschichte in Exodus 3 aus. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich wahrscheinlich in eine anderes Forum gegangen. Denn die Geschichte vom brennenden Dornbusch kenne ich, seit ich denken kann. Bin ihr in zahlreichen Kinderstunden, Predigten, und an der Uni in Vorlesungen und Seminaren begegnet. Ob da noch was für mich zu holen ist?

 

Was Siegfried Zimmer dann abliefert, haut mich um. Nicht nur, dass mir seine schwäbischen Anekdoten und die kritische Perspektive auf meinen (und seinen eigenen?) Frömmigkeitskontext sehr sympathisch sind. Er schließt mir die Erzählung auf, wie keine der Uni-Koryphäen meines langen Studiums es geschafft hat. Und das, obwohl er methodisch nichts anderes macht als die Alttestamentler: Er arbeitet historisch-kritisch, stutzt den Text in seine wahrscheinlich ursprüngliche Gestalt, stellt Einleitungsfragen und kommentiert einzelne Verse. Aber Zimmers Ausführungen sind durchdrungen vom reichen Erfahrungsschatz, den er im Orient angesammelt hat. Ich habe plötzlich das Gefühl, keinen deutschen Professor, sondern einen mesopotamischen Beduinen vor mir sitzen zu haben, der mir seinen Blick verleiht. Erstmals wird mir klar, wie die Geschichte von denen verstanden wurde, für die sie geschrieben wurde… und wie sehr sich das von meinem „westlichen“ Textverständnis unterscheidet. Ich bin begeistert von dieser Art, Theologie zu treiben und sie in verständlicher Sprache zugänglich zu machen.

 

Wem ich jetzt den Mund wässrig geredet habe, dem kann ich die „Worthaus“-Seite wärmstens empfehlen: Ein knappes ökumenisches Dutzend kluger Theolog*innen (ganz vorne mit dabei: Prof. Zimmer) hat sich zusammen getan, um große Fragen der Theologie neu zu stellen – und überaus Hörens- und Sehenswertes damit hervorgebracht. Gönnt euch einen Blick in die Mediathek!

 

Dass ich mich ein zweites Mal nach Köln aufgemacht habe, hat sich gelohnt. Die Missionale bietet Raum zum Informieren, zur Vernetzung, für Horizonterweiterungen und fürs Lernen. Nächstes Jahr steht ihr 40. Geburtstag an. Wenn ich ihr etwas wünschen sollte, dann das: Dass ihr Jugendfestival (auf das ich mich anfangs verirrt habe) noch ein wenig mehr auf die Erwachsenen-Veranstaltung abfärbt. Dann macht das Ding noch ein bisschen mehr Spaß. Ich vermute, das könnten auch die älteren Semester gut finden. Und bin gespannt, wer und was uns nächstes Jahr erwarten wird.

 

Raphael Below

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