Complexity turns, oder: Wie lernt man eigentlich einen religiösen Beruf?

IMPULSE – 21. November 2018

Diese Fragen sind Teil unserer Reihe #mehrFragenalsAntworten, in der wir verschiedene Menschen gefragt haben: «Wie lautet deine aktuelle Frage in Bezug auf die Zukunft der Kirche?«

 

Dass religionshermeneutische Berufe sich notwendigerweise in Spannungsfeldern situieren, gehört spätestens seit der Rede von Kirche „auf der Schwelle“ (Ulrike Wagner-Rau, 2009) zum common sense praktisch-theologischer Einsichten. Wie sich Kirche heute angemessen zeigt und was die Rolle von Pfarrern und Pfarrerinnen darin ist, wird zugleich – sachlogisch zutreffend – unklarer.

 

Was bedeutet diese kategoriale Diffusität für den institutionellen Bedarf nach vergleichbarer, abprüfbarer und effizienter Ausbildung? Was bedeutet sie für eine Berufsgeneration, deren – für Ältere leicht verstörendes – Sicherheitsbedürfnis stetig auf überraschende, komplexe Anforderungssituationen trifft? Könnte sich an dieser Stelle vielleicht besonders deutlich die Notwendigkeit eines #complexityturns zeigen?

 

 

Spannungsfelder

Die Sehnsucht nach sichtbarer Zugehörigkeit sowie Überwindung von berufsrollenspezifischer Einsamkeit angesichts des angenommenen Relevanzverlustes der Kirche steigt. Hinzu kommt, dass Kirchlichkeit in der deutschen Gesellschaft zunehmend als kultureller Habitus an Bedeutung gewinnt und damit grundsätzlich ins Gegenüber zur religiös verstandenen Professionsrolle tritt. Das „Alles doch bitte wie gehabt“ der hochverbundenen Milieus konfrontiert sich mit der ebenso einseitigen Haltung, alles, was uns heute beträfe, sei „noch nie dagewesen“ (Pierre Bordieu hat diese Beobachtung bereits 1998 gemacht).

 

Zugehörigkeitsanforderungen und -sehnsüchte einerseits, Wille und Motivation zu Erkundung und Experiment andererseits treten gleichzeitig auf. Dies gilt auch für die Bezugssysteme, in denen religiöse Kommunikation auf Dauer im Schwange gehalten werden soll: Existieren auf der einen Seite Erwartungen, Erwartungserwartungen und herkömmliche Strukturen parochialer Kirchlichkeit, ist zugleich mindestens exemplarisch auf religiöse Kommunikation an herausragenden anderen Orten hinzuzeigen.

 

 

Stilsicher Veränderungsfertigkeiten lernen

Wenn ich im Feld dieser gegenläufigen Entwicklungen nach einer aktuellen zentralen Frage Ausschau halte, ist es diese: Wie lernt man eigentlich eine geistliche Berufstätigkeit im Kontext einer Kirche, die institutionell dazu beauftragt ist, dabei aber im Blick auf eine Berufssituation in derzeit offenen und sich rasant entwickelnden Organisationsstrukturen, die kaum überblickt werden können, handlungs- und stilsicher machen will? Wie lernt man dieses berufsreligiöse Riskieren, ohne sich entweder in vermeintliche Kerngeschäfte zurückzuziehen noch sich ständig „im freien Fall befindlich“ zu fühlen?

 

Der institutionelle Zusammenhang, in denen Ausbildung geplant wird und Bildung sich ereignen soll, verschärft den Verdacht, die Organisation verfolge in dieser diffusen Gemengelage ein Klärungsinteresse im Blick auf die berufsförmige Profilierung des Pfarramts. Und sofern sie es mit Kennzahlen, Personalstellen und Kostenkalkulation zu tun hat, erscheint dieses Interesse sogar teilweise plausibel und löst Dringlichkeiten aus.

 

Demgegenüber ereignet sich pastorale Habitualisierung überall dort, wo sich in geprägten Räumen von Kirchlichkeit, in sozialen Anforderungssituationen oder auch in Lebenssituationen, die Menschen als relevant empfinden, Gestaltungsspielräume auftun, in denen ausprobiert werden kann, religiös zu reden und zu handeln. Es ist dies eine religiöse Rede und Aktion, die ihrerseits Freiräume schafft, mit Gottes Reden und Handeln zu rechnen.

 

Dies geschieht etwa in einer Ausbildungseinrichtung, an einem schönen Ort geschaffener, inszenierter Freiräume zum Üben und Probieren. In einer lebendigen Gemeinde mit vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden, Kreisen, Projekten und vielen Taufen – inmitten der Spannung von „wie immer“ und „alles anders“. Mit Menschen am Tisch, die nicht mal eigene Tische haben, und damit in Welten jenseits gesellschaftlichen Interesses, weil ökonomisch uninteressant. In Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen, die Kristallisationspunkte erzwungener Sozialität sind und anthropologische und soziale Grenzsituationen provozieren. In winzigen Ortschaften, in denen die Geschichten des 20. Jahrhunderts unausgesprochen auch in den Schlagzeilen von heute mächtig sind.  In Kooperationsräumen oder Konflikten, in Kursgruppen und Konfirmandenfreizeiten.

 

Gleichnishaftes für prägnante Unklarheit

Dass das Bistum Hildesheim seinen Neustart pastoraler Ausbildungen in einem Haus zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen beginnt, regt meine eigenen Gedanken für die Zukunft pastoraler Ausbildung an. Auf einem Flyer ist ein Weg unter diesem Haus zu sehen. Eine Art Keller, Unterführung, Versorgungsstraße. Es gibt Fußspuren, die in der Tiefe des Bildes zu Fahrbahnmarkierungen werden. Tapsen, die sich irgendwie auch verlieren. Ob der Mensch humpelte? Und ich stelle mir vor, gerade dies sei ein kirchlicher Ort par excellence. Links und rechts lenken Graffiti meine Aufmerksamkeit. Rechts fletscht etwas die Zähne, und ich kann nicht sagen, ob es nur eine Phantasiegestalt ist. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig für die Frage, ob es für mich Bedeutung hat.  Links geht Dir direkt unter der Neonleuchte das Licht auf und Schriftzüge, die sich nicht unmittelbar erschließen, sondern unklar bleiben, drängen sich in den Vordergrund. Und ohne all diese lästigen, verborgenen und auch hässlichen Versorgungsleitungen wäre hier kein Ort, an dem Menschen leben könnten. Und in einer Ecke ist verhaltener Blumenschmuck, bevor sich der Weg im Dunkel verliert. Ob am Ende ein Ausgang ist, kann ich nicht erkennen. Vielleicht kann ich es auch schlicht noch nicht erkennen.

 

Und wenn es so ist, dass Menschen vor allem an solchen Orten lernen, zu hören, zu beten, zu reden, zu organisieren, Kirche zu konzipieren? An Orten, die der Unklarheit eher Prägnanz verleihen, als dass sie im Verdacht stehen, sie aufzuheben. Dass hier Materialität konsequent als Ausdruck von Kulturalität angesehen wird, leuchtet mir sehr ein, gehört es doch – einmal erkannt – zu den Grundevidenzen christlicher Kulturen, die unter freiheitlichen Bedingungen große Sorgfalt auf ihre Materialität legen (sollten).

 

So geschieht berufsreligiöses Lernen an Orten mit Häusern, die groß sind, leer oder voller Ein-Zimmer-Wohnungen, und in gewisser Weise „frei“ im Blick darauf, wie sie gedeutet werden können und was sich hier ereignet. Hochverdichtete Räume, in denen vieles zusammenkommt an Gedanken, Traditionen und Möglichkeiten. Und die damit die Fläche und das Ganze entlasten, indem sie einen stellvertretenden Dienst ausüben.

Ausbildungsorte sind hochverdichtete Räume, die einen stellvertretenden Dienst ausüben für die Kirche als Ganze. Umgekehrt bedarf es der Akzeptanz und der freundlichen Mitwirkung, der Sympathie der ganzen Kirche, damit diese Stellvertretung gelingt. Es ist eine Stellvertretung, die kein ästhetisches oder ethisches Vorzeigeprojekt gebiert:

Der Bau bleibt an vielen Stellen verwinkelt und unübersichtlich. Die Passagen sind nicht durchgängig überdacht. Probleme sind nur halbherzig gelöst. Die Nähe zu idyllischen Orten wird nicht genutzt, weil es gar keine Zugänge gibt. Niemand scheint daran gedacht zu haben. Die Hauptebene liegt über Straßenniveau und ist kaum zu erreichen. Es gibt ständige Akzeptanzprobleme und ästhetische Fragwürdigkeiten. Nichts steht unter Denkmalschutz, alles kann auch anders sein. Es fallen Späne zu Boden und Spontanitäten gen Himmel. Absurdes geschieht und Agendarisches. Es gibt Ordnungen und vielviel Freiraum.

 

 

Vikariat als „gestreckte Kasualie“

In einem unwirklich-wirklichen Raumnetzwerk ereignet sich so pastorale Entwicklung von beginnender Berufsprofessionalität. Spuren des Unfertigen und Fehlgeplanten bleiben notwendigerweise. Und damit eine breite Angriffsfläche für Kritik all derer, die der Welt eine Ordnung einschreiben (und nicht Gott sind!). Dann könnte es Teil dieser spezifischen Sendung sein, in diesen bleibend ungewohnten Spannungsfeldern Spielräume zu finden und handlungsfähig zu bleiben. Routinen für Handwerkliches zu finden und den wöchentlichen Terminkalender. Dem ‚Ereignis Gotteswirken‘ zuzutrauen, in der Institution verlässlich auf Dauer gestellt zu sein, für alle Welt zu wirken. Und das Vikariat wäre im Sinne der neueren evangelischen Kasualtheorie eine „gestreckte Kasualie“ für all diejenigen, von denen zukünftig mit Recht erwartet wird, öffentlich christliche Religion ins Spiel zu bringen.

 

 

Epilognotizen  

Wenn das stimmt, dann sähen Gottes Wohnungen gar nicht so aus wie die vielen Zimmer im Puppenhaus Deiner Kindheit, sondern Gott wohnte, wo Menschen durch unwirkliche Welten humpelten. Und Gott sammelte ihre Namen von den Betonwänden und schriebe sie sich in Herz. Und Gott schraubte die Neonröhren der Unbarmherzigkeiten von den Decken und Seraphim beleuchteten die Welt mit dem Licht ihrer leuchtenden, wärmenden Flügel. Und es wäre so, dass Gott sie umbaute (#complexityturns), die unwirklichen Welten unserer Kirche, und wir sähen es nicht, weil wir mittendrin wohnten.

 

Pfrin. Dr. Friederike Erichsen-Wendt, Jg. 1976, arbeitet als Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar und schreibt unter https://zwischengerufen.wordpress.com.

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