Bleiben wir dynamisch?

IMPULSE – 24. Juni 2014

In der vergangenen Woche haben wir uns zum ersten Mal im »Aufsichtsrat« von Kirchehoch2 getroffen. Wir haben ihn eingerichtet, damit diese ökumenische Bewegung gut eingebunden ist in die Strukturen der beiden großen Konfessionen. Die Erfahrungen sollen nachhaltig aufgefangen werden; die spürbare Dynamik und die sichtbaren Impulse sollen nicht verloren gehen. Was leicht passieren könnte, wenn wir nicht informieren und uns austauschen über die ungeheuer reiche Entwicklung unser kleinen, aber größer werdenden Bewegung.

 

Ja, sie wird größer: Wenn pro Woche mehr als 6000 Besucher auf die Website zugreifen, wenn mehr als 1000 Menschen unseren Newsletter erhalten, und wenn manche Videos mehr als 12.000 mal angeklickt wurden; wenn zwischen Oktober 2013 und Juni 2014 mehr als 35 Vorträge gehalten wurden, dann merkt man Bedarf. Und Hoffnung. Und Wohlwollen. Und Energie.

Wenn im kommenden Jahr in Osnabrück (am 21. März) und in Bookholzberg bei Ganderkesee (am 9. Mai) kleine lokale Kongresse stattfinden (wir werden in Kürze mehr Informationen dazu bereitstellen können), macht das auch deutlich, wie sehr die Suche und Sehnsucht nach neuen Wegen des Kircheseins übergreift, sichtbar wird und förmlich ansteckend ist. Doch nicht nur das: Dass diese Termine in unterschiedlicher Zusammenarbeit mit neuen und ganz unterschiedlichen Akteuren, Netzwerken und Bewegungen vorbereitet werden zeigt, dass Kirchehoch2 wirklich vielmehr eine Dynamik, eine Bewegung ist als ein abgeschlossenes Gebilde – etwas, das zwar immer (wieder) schwer zu erklären ist, aber unserem Traum einer partizipativen, vielfältigen und geistgewirkten Kirche entspricht.

 

Anhand der Schlüsselbegriffe unserer Vision, dreier Lehnwörter aus dem Englischen ließen sich Wegmarken der Bewegung und gleichzeitig die Arbeit der beiden Projektstellen deutlich machen. Das haben wir letzte Woche im Gremium diskutiert, aber wollen dies auch hier tun:

 

Mission-shaped church: »Start with the church, the mission will probably get lost. Start with the mission, and the church will probably get found«, so formulieren es die Anglikaner in ihrem mission-shaped church report 2004. Es geht nicht zuerst darum, eine Gemeinde zu bilden oder zu entwickeln, eine Form herzustellen, sondern es geht um ein Sich-Einlassen auf die Menschen. Vielleicht sogar erst einmal um ein Sich-Einlassen darauf, Mensch zu sein. Und: Um ein Sich-Einlassen auf die Sendung des Evangeliums: Hinausgehen, um die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst als und mit Menschen zu teilen. So wächst die Frucht der Sendung: Kirche. Dieser Vision fühlt sich Kirchehoch2 als Bewegung verpflichtet. Sie ist die Perspektive unseres Handelns, Interpretierens und Kommunizierens.

 

Mixed Economy: Von Anfang an war uns klar, dass Kirchenentwicklung nicht einfach auf die Bildung immer neuer Kirchenformen setzt. Kirche ist geistgewirkt. Sie ist eben dynamisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Prozess, ein Entwicklungsprozess. In ihm schreiben gewachsene Erfahrungen und neue Aufbrüche die Wirkungsgeschichte des Evangeliums in ihrer Vielfalt: Dort, wo es verkündigt wird, bricht Neues auf, wächst Kirche in neuer Gestalt – und doch ist es eben eine Kirche: eine „mixed economy“, wie die Briten sagen: „wie ein Mischwald“, könnte man hier in Deutschland sagen. Ein Raum, in dem Gewachsenes und Neues den Wirkraum des Evangeliums ausmachen. Eine Fläche, wie wir es mit dem hoch 2 in unserem Namen ausdrücken wollen. Uns war und ist diese Haltung grundlegend wichtig: Kirchehoch2 heißt eben nicht nur Innovation. Sondern dynamische, gelebte und geliebte Vielfalt. Eben in einem Geist und ihrer Sendung entsprechend.

 

Fresh expressions: Und hier wird es nun richtig spannend: Im letzten Jahr haben wir in Bistum und Landeskirche mit dem FreshX-Kurs in einer ökumenischen Lerngemeinschaft erste Erfahrungen dazu gemacht, was es heißt die mission-shaped church ins Extreme oder besser: ganz konsequent zu denken. In die Lebenswelt jedes Getauften. Bei diesem Kurs geht es darum, Menschen auf dem Weg zu begleiten, ihre Inspirationen und Leidenschaft in die Tat umzusetzen – in gewohnten Kontexten und gewachsenen Gemeindeformationen – oder eben in neuen Gemeindeformen, neuen Ausdrucksformen, Fresh Expressions eben. Wenn neue Gemeinden durchschnittlich sieben Jahre Inkubationszeit (so die Erfahrungen in England) brauchen, dann sind wir erst am Anfang eines Abenteuers.

 

Doch: Was sind denn Fresh Expressions genau? Braucht es dafür Kriterien? Braucht es eine Definition wie diese? »Eine Fresh X ist eine neue Form von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur, die primär für Menschen gegründet wird, die noch keinen Bezug zu Kirche und Gemeinde haben.« So lautet eine deutsche Arbeitsübersetzung dessen, was in England Jahrzehnte lange Erfahrung formuliert hat. Und hier ließe sich schon diskutieren… Über die Übersetzung von Church als Gemeinde oder als Kirche zum Beispiel. Doch weitere Fragen schließen sich schnell an:

 

Ist eine Fresh X eine neue Form von Gemeinde? Von Kirche? Wir diskutieren nicht nur in der Sitzung des Beirats intensiv miteinander, sondern diese Frage begleitet uns schon länger: Geht es um neue Gemeindeinitiativen? Kann man neue Gemeinden in einer Welt voller Parochien und Pfarreien gründen? Wie unterscheidet man denn neue Initiativen in Gemeinden von neuwerdenden Gemeinden? Braucht es neue Gemeinden? Und wie gehen wir mit diesen Fragen vor allem in unserem Kontext um, der ja nicht nur binnenkonfessionell rechtliche Fragen auf den Plan ruft, sondern förmlich in ganz mutigen Stunden die Frage stellen lässt: Wie betrachten wir eigentlich »ökumenische« Fresh X?

 

Das sind interessante Fragen, Fragen auch des Verstehens von Kirche. Eines ist uns dabei wichtig: Es geht nicht darum, eine neue, eine ganz andere Kirche zu gründen. Keine Kirchehoch2 sozusagen; auch danach werden wir immer gefragt. Der Kurs, mit dem wir seit einem Jahr arbeiten dürfen, will keine Programm sein, nachdem Kirche²-Gemeinden gegründet werden.

 

Bei all dem Hören, Reden und Tun stellt sich eine tiefe Einsicht ein, dass Kirche durch den Geist und das Wort immer in einem Entwicklungsprozess steckt, neue Entwicklungen in gewachsenen Gestalten hervorbringt, und neue Formen entstehen lässt. Es ist weniger eine gewollte Gründungsgeschichte, als vielmehr ein Gründungsereignis, das gestaltet und erlitten wird – ein geistlicher Prozess, die Wirkungsgeschichte des Evangeliums. Vielleicht könnte man diesen Prozess so beschreiben: »Eine Fresh X ist eine neue Weise des Kircheseins in unserer sich verändernden Welt, die sich primär mit Menschen entwickelt und mit ihnen entsteht, die noch keinen Bezug zum Evangelium haben…«

 

So entstehen viele Fragen an unsere Ekklesiologien. Wunderbar, dass es diese Fragen gibt, denn nicht die Ekklesiologie ist die Norm der Kirche, sondern die Erfahrungen der Kirche reformieren die Ekklesiologie.

Hierbei gilt es, die normative und dogmatische Tradition neu zu lesen: Kirche, Gemeinde und Pfarrei. Dienst- und Amtsverständnis. Die vier Merkmale des Kircheseins, die wir im Credo als apostolisch, katholisch, heilig und eins bekennen, sind hierfür in der Logik neuer Aufbrüche schon übersetzt: missional, kontextuell, lebensverändernd und gemeindebildend.

 

So wollen wir uns von Raster und Definitionen nicht verunsichern lassen, sondern Mut fassen und vermitteln und weitergeben. Mut zu einer induktiven, erfahrungsgesättigten, emergenten Ekklesiologie. Der Mut zu »kirchen«, sozusagen. Kirche als Verb, als Tunwort verstehen. Ganz wie es im Englischen heißt: »Church is a verb«.

Vielleicht hilft uns hierbei eine dieser Übersetzungen, mit denen wir uns ja sonst so schwer tun. Denn: Kann man nicht die deutsche Abkürzung – das X in »Fresh X« – nicht auch anders deuten? Nicht (nur) mit eXpressions, also im Sinne von »frischen und neuen Formen«. Sondern kann uns das X immer wieder bewusst machen, dass Kirche und Glaube Erfahrung und Erleben möglich macht? Eben eXperience – Erfahrung und Erleben. Neue, und möglicherweise auch wiederkehrende Erfahrungen geistlichen Wirkens. Fresh X als heilige eXperimente. Und die sind natürlich weder auf neue noch alte Formen einzugrenzen.

 

Maria Herrmann & Dr. Christian Hennecke 

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